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Sonntag, 23. Dezember 2012

Eine Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens

Während ich fleissig Erdmännchen gebacken, Kugeln angemalt und Weihnachtsgeschenke verpackt habe, ist es mir tatsächlich gelungen, noch einen Titel von der Liste abzuhaken. Man klopfe mir auf die Schulter! So bin ich nun insgesamt bei 37 gelesenen Titeln angekommen, was zwar nicht atemberaubend viel ist, aber zumindest schonmal ein Fortschritt. Und mit der "Bücher die man gelesen haben muss"-Challenge werden 2013 nochmal mindestens 12 dazukommen - Mühsam nährt sich das Eichhörnchen.


Also meine Freunde, ich werde euch jetzt mal kurz eine Geschichte vorstellen, die wir eigentlich alle kennen sollten, die aber erstaunlich wenige Menschen tatsächlich gelesen haben (einer kurzen und nicht besonders repräsentativen Umfrage in meinem engeren Freundeskreis nach). Ich habe mal wieder das grandiose Librivox Projekt ausgekostet, von dem ich hier schon berichtet habe und mir "A Christmas Charol" in der Audioversion angehört. (Und wieder sooo schön gelesen! Ich bin ein absoluter Librivox Fan!) Seit Jahren hatte ich mir schon vorgenommen, mir die Weihnachtsgeschichte von Dickens in der ursprünglichen Form zu Gemüte zu führen, da ich sie bis Dato nur in der Muppits-Version kannte. Jaja, Schande über mein Haupt. So waren mir aber zumindest die verschiedenen auftretenden Geister schonmal ein Begriff, vor denen ich als Kind eine Heidenangst hatte! 

Für alle gaaaanz großen Banausen - Ich kann ja jetzt große Töne spucken, ne?! - hier kurz einmal die Story:
Der alte, griesgrämige Geizhals Ebenezer Scrooge, der Weihnachten für Humbug hält und sich alle Mühe gibt, den Menschen in seiner Umgebung das Fest möglichst zu versauen, kriegt Besuch vom Geist seines verstorbenen Geschäftspartners Jacob Marley. Der Geist ist an eine schwere Eisenkette gefesselt, die er sich zu Lebzeiten aus seiner Hartherzigkeit und Gier selbst geschmiedet hat. 


“I wear the chain I forged in life....I made it link by link, and yard by yard; I girded it on of my own free will, and of my own free will I wore it.”

Der Gruselonkel (der war wirklich MEGAgruselig! Und ich war doch schon so ein schreckhaftes Kind!) schickt nun nacheinander seine drei Kumpels vorbei, die Scrooge beibringen, dass ihn das gleiche Schicksal wie Jacob Marley treffen wird, wenn er nicht rechtzeitig seine Ketten abstreift. Es handelt sich um den Geist der vergangen Weihnacht, der gegenwärtigen Weihnacht und der zukünftigen Weihnacht und auch wenn Scrooge sich die Existenz des Geistes am Anfang nicht wirklich eingestehen will und sie auf seinen überfüllten Verdauungstrakt schiebt, (“You may be an undigested bit of beef, a blot of mustard, a crumb of cheese, a fragment of underdone potato. There's more of gravy than of grave about you, whatever you are!”) erteilen ihm die Geister letztendlich eine gehörige Lektion in Sachen Hartherzigkeit. 
“There are some upon this earth of yours,' returned the Spirit, 'who lay claim to know us, and who do their deeds of passion, pride, ill-will, hatred, envy, bigotry, and selfishness in our name; who are as strange to us and all our kith and kin, as if they had never lived. Remember that, and charge their doings on themselves, not us.” 

Meine Meinung:
Was dann folgt ist eine von Charles Dickens derartig rührende, zauberhafte und mit dem unverwechselbaren Dicken'schen Humor versehene Reise durch alle Zeiten, dass es eigentlich schade ist, dass die Geschichte so schnell vorbei ist! Schon bei Große Erwartungen und Oliver Twist bin ich in Ehrfurcht verfallen vor der scharfen Beobachtungsgabe und satirischen Begabung des großen Mannes, der auch 140 Jahre nach seinem Tod noch in aller Munde ist. Wie eigentlich alle seiner Werke ist auch diese Geschichte eine literarisch unannachahmlich verpackte Gesellschaftskritik. Aber im Gegensatz zu den anderen beiden Büchern, die mich irgendwie ein bisschen bedröppelt zurückgelassen haben, ist Ebenezer Scrooge einfach am Ende so zum Knuddeln, dass man nur gute Laune kriegen kann. Meine Lieblingsstelle ist die, als er auf der Weihnachtsfeier seines Neffen so begeistert in die Spiele mit einsteigt, dass er vergisst, dass die anderen ihn ja eigentlich gar nicht sehen können. Als er dann den Geist anbettelt, noch ein bisschen bleiben zu dürfen, weil es doch grad so lustig ist, hat mein Librivox-Leser seine Stimme so drollig verstellt, dass ich nur noch so dahingeschmolzen bin!

Sollte man auf jeden Fall gelesen haben! Gerade zu Weihnachten eine gute Erinnerung daran, dass alles Geld der Welt eigentlich überhaupt nichts Wert ist, wenn man es nicht mit Liebe einsetzt.
“For it is good to be children sometimes, and never better than at Christmas, when its mighty Founder was a child Himself.” 

Montag, 13. Februar 2012

Classic Challenge: Oliver Twist von Charles Dickens (1838)

"The simple fact was, that Oliver, instead of posessing too little feeling, possessed rather too much; and was in a fair way of being reduced, for life, to a state of brutal stupidity and sullenness by the ill-usage he had received."


Die Geschichte von Oliver Twist hat hat mich echt überrascht. Nachdem ich letztes Jahr meinen ersten Roman von Charles Dickens "Große Erwartungen" gelesen hab, den ich zwar charmant und geistreich, aber auch reichlich langatmig fand, konnte ich Oliver Twist wider Erwarten kaum aus der Hand legen. Nach heutigen Maßstäben ist der Roman zwar immer noch nicht besonders temporeich, aber mit solch einer Kraft erzählt, dass ich grad nur mühsam aus dem London der Jahrhundertwende auftauche.
Zur Story:
Eine kleine Stadt in England, Mitte des 19. Jahrhunderts: Ein völlig erschöpftes, unbekanntes Mädchen bringt nach tagelangem Fußmarsch in einem Armenhaus ein Kind zur Welt. Sie stirbt, doch ihr Sohn wird leben. In Ermangelung eines Namens Oliver Twist genannt, wächst der Junge in den miserabelsten Umständen auf, die man sich vorstellen kann. Als Oliver 9 Jahre alt ist und wie alle anderen im Armenhaus kurz vorm Verhungern, wagt er es beim Essen nach einem Nachschlag zu fragen. "Please, Sir, I want some more." wird zum berühmtesten Zitat des Romans, denn Charles Dickens zeigt damit mutig soziale Missstände seiner Zeit auf. Davon hat Oliver aber leider erstmal nichts- er hat nach einem Nachschlag gefragt! Wie konnte er?!

"I want some more." Verfilmung von Roman Polanski, 2005 (Quelle)
"Mr. Limbkins, I beg your pardon, sir. Oliver Twist has asked for more!"
There was a general start. Horror was depicted on every countenance.
"For more!" said Mr. Limbkins. "Compose yourself, Bumble, and answer me distinctly. Do I understand that he asked for more, after he had eaten the supper allotted by the dietary?"
"He did, sir," replied Bumble.
"That boy will be hung," said the gentleman in the white waistcoat. "I know that boy will be hung." 

Der Arme Oliver wird also zum Staatsfeind Nummer eins erklärt und noch viel ekelhafter behandelt als sowieso schon. All seinen Mut zusammen nehmend, packt Oliver schließlich sein kleines Bündel und reißt aus nach London, wo er halbverhungert tatsächlich ankommt und auf einer Türschwelle zusammenbricht. Er wird von einem jungen Dieb, "the artful Dodger" gefunden, der Oliver mit in sein Versteck nimmt. (Anmerkung: Ich hab das Buch auf Englisch gelesen und erst grad beim googlen herausgefunden, dass der Name ernsthaft in "Artful Dodger" - Vorname Nachname - übersetzt wurde. Wirklich, Deutschland?!) Der Herrscher über dieses Versteck ist der alte Fagin, der eine Bande Kinder die Stadtbewohner beklauen lässt und entzückt wäre, Oliver in dieser Bande zu begrüßen. Oliver, der trotz aller Grausamkeit mit der er behandelt wurde, immer einen starken Sinn für Recht und Unrecht behalten hat, ist davon alles andere als begeistert und schafft es nur durch großes Glück, einige wohlmeinende Freunde und mit Hilfe der Prostituierten Nancy, schließlich zu entkommen.

Meine Meinung:
Wenn auch ein weltbekannter Klassiker und X-mal verfilmt, kannte ich die Geschichte bisher nur in der Disney Version und die sieht so aus: 


Das swingt natürlich etwas mehr als das, was Mister Dickens im Jahr 1938 abgeliefert hat und ist vor allem einige Schattierungen freundlicher. Trotzdem hätte ich das Buch noch wesentlich trauriger erwartet, als es letztendlich ist. Der erste Teil der Geschichte, Olivers Zeit im Armenhaus, wäre herzzerreißend und kaum zu ertragen, würde Charles Dickens sie nicht mit solch beißendem Sarkasmus erzählen. Statt in Tränen auszubrechen, findet sich der Leser grimmig grinsend, was aber den Effekt der Geschichte keinesfalls verdirbt, sondern verstärkt. Dickens verpackt seine Abscheu gegenüber den Gemeindevorstehern, die schamlos ihre Macht missbrauchen und dabei selbstgerecht immer fetter werden - es gibt eine ganze Menge übergewichtige Bösewichte in diesem Buch! - in meisterlicher Erzählkunst, gespickt mit Humor allerdunkelster Güte. 

Und zur Strafe müsst ihr heiraten!
Auch in diesem Buch gibt es wieder eine ganze Reihe unvergesslicher Charaktere, zu denen ich aber erst kommen werde, nachdem ich die überraschende Ankündigung mache, dass unser junger Held keiner davon ist. Oliver Twist ist nämlich genau das, was man von einem 10jährigen Jungen erwartet: Ein Kind. Abgesehen von seiner - in Anbetracht der Umstände extrem erstaunlichen - Standhaftigkeit gegen das Böse und seines offensichtlich guten Herzens hat Oliver Twist keinerlei Wiedererkennungsmerkmale und eigentlich auch nicht besonders viel zu sagen. Auch damit hatte ich nicht gerechnet, denn ich dachte eigentlich hier geht es um einen gewitzten kleinen Helden, der sich mit einer Bande Straßenkinder anfreundet aber schließlich in eine liebende Familie aufgenommen wird. (So wie bei Oliver & Co. halt...) Stattdessen liegt der Fokus der Geschichte aber auf einem Kampf des Guten gegen das Böse. Und da es hier eine klitzekleine Anzahl guter Charaktere mit einem ganzen Batillion Bösartigkeit aufnehmen muss, die in allen Ständen und Ämtern daherkommt, in der Gosse, im Adel und in der Politik, sind Olivers Aussichten auf Erfolg ziemlich niedrig. Von dem Heer an Verbrechern, Dieben und Wiederlingen im Buch hinterlassen einige besonderen Eindruck; von dem hinterlistigen Fagin, dem gerissenen Dodger, und dem jähzornigen Sikes erwartet man nichts anderes, denn sie sind Geschöpfe des Londonder Untergrunds. Doch auch vor den würdevollen Amtsträgern der Gemeinde sollte man sich in Acht nehmen. Folgende beiden Ekelpakete haben es ganz besonders in sich: Mrs. Man, die Leiterin des Kleinkinderheims bei der auch schonmal Babies aus Versehen in den Kamin rollen und Mr. Bumble, ein nicht ganz so ehrwürdiger Kirchenmann, der mit die größte Schuld an Olivers Schicksal trägt. Ihre Strafe bekommen diese beiden ganz nach Dickenscher´ Manier: sie heiraten! Ha, Geniestreich! Zwei Monate später machen sie sich dann gegenseitig das Leben zur Hölle. Auf einen Kommentar hin, dass das Gesetz annehme, seine Frau tanze nach seiner Pfeife, lässt Charles Dickens den feisten Mr. Bumble folgenden erinnerungswürdigen Ausspruch treffen:" If the law supposes that, then the law is a ass, a idiot! If that's the eye of the law, then the law is a bachelor." Auch dieses zweite Buch von Dickens bestätigt mich in der Annahme, dass der gute Mann eine leicht negativ angehauchte Auffassung von Ehe hatte.

Pity us, lady!
Oliver wäre verloren, wenn es nicht auch unter den Bösen einige Gute geben würde. Das Schicksal der Prostituierten Nancy, die ihr Leben aufs Spiel setzt um Oliver zu helfen, geht unter die Haut. Denn selbst als sie das Angebot hat, sich in Sicherheit zu bringen, bleibt sie bei ihren Unterdrückern, an die sie sich trotz allem gebunden hat. "When such as I [...] set our rotten hearts on any man, and let him fill the place that has been a blank through all our wretched lives, who can hope to cure us? Pity us, lady--pity us for having only one feeling of the woman left, and for having that turned, by a heavy judgment, from a comfort and a pride, into a new means of violence and suffering." Ungefähr um diese Stelle im Buch verliert sogar Charles Dickens seine grimmige Heiterkeit und der Erzählstil wird um einige Schattierungen dunkler, als die Unausweichlichkeit der Gosse jede Hoffnung erstickt. Am Ende gibt es dann einen -mehr oder weniger überraschenden - Turn in der Geschichte, den ich persönlich ein bisschen schade fand, aber im 19. Jahrhundert musste er wohl sein. Was nach dem Zuklappen der letzten Seite wohl am Längsten bleiben wird, ist nicht Oliver Twist oder seine Feinde und Beschützer; Es ist mein geliebtes London, von Charles Dickens so lebensnah porträtiert, dass es den Leser mitten ins 19. Jahrhundert schleudert! Einmal kurz zum Trailer der Verfilmung gelinst und es wird klar, dass Roman Polanski es gemeistert hat, genau diese Atmosphäre einzufangen.



Fazit:
Atmosphärische nichtfürKinder-Geschichte, mit unauffälligem Helden aber vielen unvergesslichen Bösewichten. Dickens zynische Abrechnung mit der Gesellschaft seiner Zeit ist absolut lesenswert.



Donnerstag, 14. Juli 2011

4.) Listen-Nr. 17: Große Erwartungen von Charles Dickens, 1860

Mein Lieblingszitat: "In an armchair sat the strangest Lady I had ever seen, or shall ever see. She was dressed in rich materials — satins, and lace, and silks — all of white. And she had a long white veil dependent from her hair, and she had bridal flowers in her hair, but her hair was white. (...) She had not quite finished dressing, for she had but one shoe on — the other was on the table near her hand — her veil was half arranged, her watch and chain were not put on. (...) But, I saw that everything within my view which ought to be white, had been white long ago, and had lost its luster, and was faded and yellow. I saw that the bride within the bridal dress had withered like the dress, and like the flowers, and had no brightness left but the brightness of her sunken eyes."

Zur Story:
Ich habe noch nie Charles Dickens gelesen, natürlich aber von ihm gehört. Nach kurzer Internetrecherche weiss ich nun über den "Meister viktorianischer Prosa", dass seine Werke "brilliante Plots" besitzen und die Figuren seiner Bücher zu den "most haunting", also den packendsten Charakteren der Literaturgeschichte gehören. Was damit gemeint ist, wird mir schon innerhalb der ersten Seiten klar. Unsere Hauptfigur ist Pip, ein Waisenjunge der zu Beginn des 19. Jahrhunderts von seiner Schwester und ihrem Mann in ärmlichen Verhältnissen großgezogen wird und seine Geschichte rückblickend aus der Ich-Perspektive erzählt. In seinem Dorf gibt es eine große Villa, deren Besitzerin Miss Havisham seit langer Zeit niemand mehr zu Gesicht bekommen hat. Völlig unerwartet erhält Pip aber eine Einladung die Villa zu besuchen. Als er dort ankommt und Miss Havisham zum ersten Mal erblickt (siehe Zitat oben), wird der Leser von Charles Dickens mühelos in die gespenstische Welt hineingezogen, die sich vor Pip entfaltet. Die alte Frau, so wird Pip etwas später erfahren, wurde vor vielen Jahren an ihrem Hochzeitstag von ihrem Geliebten sitzengelassen, während sie sich gerade für die Trauung anzog. Voller Verbitterung ließ sie daraufhin das Leben in ihrer Villa anhalten, alle Uhren wurden gestoppt und Miss Havisham verbringt ihre Tage von nun an in ihrem alten Hochzeitskleid in ihrer Hochzeitskammer und setzt sich nie wieder dem Tageslicht aus. Inmitten dieser traumatischen Atmosphäre wächst ein kleines Mädchen auf, Miss Havishams Adoptivtochter Estella, die zwar wunderschön aber eiskalt ist, da sie von der alten Dame von jeher eingetrichtert bekam, dass Liebe nur Schwäche bedeutet. Estella behandelt Pip wie einen nichtsnutzigen Bauernjungen, trotzdem verliebt er sich unsterblich in sie und sein ganzes weiteres Handeln wird davon bestimmt, irgendwann Estella zu heiraten.

Meine Meinung:
Hm. Warum eigentlich? Von Anfang an habe ich meine Probleme damit gehabt, zu vestehen, warum um alles in der Welt sich so ein pfiffiger Junge wie Pip in so ein kleines Biest verlieben sollte. Der einzige Grund, den Dickens anführt, nämlich ihre Schönheit, kann ja wohl kaum einen Menschen dazu bringen, für immer und ewig wahnsinnig verliebt zu bleiben, wenn er weiß das das Objekt seiner Begierde ein herzloses Miststück ist?    Von dieser kleinen Verständnisschwierigkeit meinerseits abgesehen, ist die Geschichte ein fein gewebtes Meisterstück über Freundschaft und Treue. Denn Pip, dem irgendwann durch einen unbekannten Gönner mit einer Menge Geld zu großen Erwartungen ("Great Expectations") verholfen wird, wendet sich von den mittellosen und und ungebildeten, dafür aber herzensguten Freunden seiner Kindheit ab und lässt sich dazu verleiten als Gentleman in London ein bisschen versnobt zu werden. Die ganze Zeit aber hat er deshalb ein solch schlechtes Gewissen, dass man als Leser gar nicht anders kann, als ihn zu bemitleiden. Und froh darüber ist, dass er auch in London gute Freunde findet.

Tatsächlich hat Pip einen solchen Haufen wohlmeinender und herzensguter Menschen um sich herum, dass mir das schon ein bisschen komisch vorkam. Ich hab immer auf den Verrat gewartet, aber der kam einfach nicht. Ob das nun an meiner pessimistischen Weltanschauung liegt oder an der Spannungskurve, die ich von einem guten Buch erwarte, kann ich nicht beantworten. Es fiel mir aber durchaus nicht schwer, das Buch immer mal wieder aus der Hand zu legen, was schon eine Menge aussagt. Denn auch wenn die Geschichte trotz ihrer Komplexität hinterher in einem geschickten Plot endet, tröpfelt sie stellenweise ziemlich ereignislos dahin.
Ich würde sagen, dies ist ein Buch, das ich mit auf eine einsame Insel nehmen würde. Die Schauplätze der Geschichte sind so liebevoll gestaltet und die Charaktere so facettenreich, dass ich glaube, man kann auch nach dem zehnten mal lesen noch etwas Neues entdecken. Außerdem ist Dickens Erzählstil künstlerisch mit nichts zu vergleichen, was sich in unserem Zeitalter finden lässt. Auch in seinen Büchern gibt es nämlich die ätzenden, nervigen Charaktere. Dickens bindet sie aber so charmant in seine satirisch anmutenden Situationen ein, dass selbst das ständige dreiste Eigenlob Pips nervtötenden Onkels ein konstantes Schmunzeln beim Leser hinterlässt. 

Mein Fazit:
Alles in allem eine wundervoll einfühlsame Geschichte über das Erwachsenwerden und die eigenen Träume mit einigen derart durchgeknallten Figuren, dass jeder Psychologie-Student seine reine Freude daran haben wird. Als großer Klassiker absolut gerechtfertigt und ein gutes Begleitprogramm sowohl für Menschen die gerade in einer akuten Sinnkrise stecken, als auch für Träumer, die in Büchern gerne das echte Leben vergessen. Für einen spannenden Leseabend würde ich aber vielleicht eher Ken Follet oder so empfehlen. Verdienter Listenplatz Mister Pip.
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