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Montag, 21. Oktober 2013

"am Grab stand eine Frau in weiß..." etwas Mystery aus dem 19. Jahrhundert gefällig?

"When a sensible woman has a serious question put to her, and evades it by a flippant asnwer, it is a sure sign, in ninety-nine cases out of a hundred, that she has something to conceal."

Ich hatte schon Angst, dass ich dieses Jahr meine eigene Challenge verliere, weil ich im frühen Oktober mit gerade einmal acht von 12 zu lesenden Büchern punkten konnte. Und nachdem mich die letzten beiden Bücher die ich für die Challenge gelesen hatte (Alice im Wunderland und The magic Faraway Tree) so garnicht begeistern konnten, war ich etwas vorsichtig im Bezug auf die "Best-loved Novels". Stattdessen wäre ich um ein Haar zum wiederholten Male meiner Schnulzenschwäche erlegen.

Glücklicherweise fügte es sich, dass ich auf einer ewig langen Zugfahrt nur "Gut gegen Nordwind" eingepackt hatte, welches man ja nun wirklich mal eben innerhalb von 2 Stündchen so weglesen kann. Und da ich nun kein Buch aber noch einige Stunden Zug vor mir hatte, riskierte ich einen Blick in meine Kindle App, die zufällig, ganz passend zur Mila'schen Schmonzetten-Stimmung, auch mit "The woman in white" (1860) bestückt war. (Im Amazon Shop lassen sich viele der Bücher auf der Liste kostenlos herunterladen, wusstet ihr das?). Und mit dieser ziemlich typisch englischen Mystery-Geschichte hab ich jetzt auch endlich mal wieder einen Treffer gelandet.

Zur Story:

Der Kunstlehrer Walter Hartright bekommt den Auftrag, auf dem Landanwesen Limmeridge House die beiden Halbschwestern Marian und Laura zu unterrichten. Auf seinem Weg dorthin hat er allerdings eine seltsame Begegnung mit einer vollkommen in weiß gekleideten jungen Frau, die scheinbar aus dem Nichts auf der Landstraße auftaucht. Die offensichtlich verängstigte Frau fasst Vertrauen zu ihm, als sie sein Reiseziel erfährt - scheinbar hat sie in Limmeridge House einen Teil ihrer Kindheit verbracht und liebevolle Erinnerungen an die Familie dort. Kurz bevor sie ihn verlässt, fragt sie ihn nach seiner Bekanntheit mit einem gewissen Lord Percival Glyde, den sie offensichtlich gleichzeitig hasst und fürchtet, von dem er aber noch nie etwas gehört hat. Kurz nach dieser Begegnung erfährt Hartright, dass seine weiß gekleidete Zufallsbekanntschaft einige Zeit zuvor aus einer Irrenanstalt ausgebrochen und seitdem auf der Flucht ist.

Am Ziel seiner Reise angekommen, dauert es nicht lange und Hartright verliebt sich unsterblich in Laura, die jüngere der beiden Schwestern. Da in diesem Fall nicht  nur der große Standesunterschied der beiden ein Problem ist, sondern Laura auch seit Jahren schon einem anderen Mann versprochen ist, wird der Zeichenlehrer aus dem Haus gewiesen. Kurz vor seiner Abreise erfährt er jedoch den Namen des Verlobten seiner Angebeteten: Laura wird Sir Percival Glyde heiraten, den Mann vor dem die "Frau in weiß" so panische Angst hatte. Und nicht nur das - je mehr Walter darüber nachdenkt, desto klarer wird ihm außerdem, dass seine nächtliche Zufallsbekanntschaft und seine angebetete Laura sich verblüffend ähnlich sehen...

Meine Meinung:

Ich würde sagen, wer "Rebecca" mochte, der wird auch Spaß an "The Woman in white" haben. Mit seinen Romantik-, Mystery- und Krimi-Elementen ist Wilkie Collins Roman eine runde Mischung und lässt sich, trotz seiner knapp 600 Seiten flüssig lesen. Während in der ersten Hälfte des Buches die Spannung wirklich auch konstant auf einem sehr hohen Niveau ist, gibt es im hinteren Teil allerdings meiner Meinung nach einige Längen. Außerdem hatte ich so meine Probleme nachzuvollziehen, warum Walther Hartright sich denn da nun so unsterblich in Laura verliebt hat, die neben ihrer immer wieder erwähnten "milden Natur" dem Leser nicht wirklich viel zu bieten hat. Allerdings sind wir hier ja erstens im viktorianischen Zeitalter unterwegs, wo Frauen sich gefälligst sowieso im Hintergrund zu halten haben und außerdem bildet die Liebesgeschichte zwischen den beiden auch eher den Rahmen für die Story, in der Walters detektivische Ermittlungen noch überraschend tiefschürfende Erkenntnisse bringen werden.

Die Story lebt von ihren faszinierenden Nebencharakteren: Auftritt Marian und Count Fosco

Die Geschichte ist wirklich gut gestrickt, denn entgegen meiner Erwartung hat mich die Auflösung am Ende nicht enttäuscht (ich war mir zur Mitte des Buches hin ziemlich sicher, dass ich die ganze Story schon erraten habe und war schon mal vorsorglich enttäuscht von meiner angenommenen Einfachheit des Ausgangs. Ich hatte mich dann aber doch getäuscht und es kamen noch ein paar nette Wendungen und Plot Twists). Was das Buch jedoch für mich so fesselnd macht, ist weder sein Verlauf, noch sind es die vordergründigen Hauptfiguren, denn weder Walther noch Laura, noch Lauras undurchsichtiger Verlobter sind besonders komplex. Stattdessen haben mich die Nebenfiguren, nämlich Lauras Schwester Marian und der etwas später in der Geschichte auftauchende Count Fosco schwer fasziniert. Und natürlich die "Woman in White", aber über die verliere ich lieber nicht zu viele Worte, es soll ja schön mysteriös bleiben.

Mit Count Fosco hat Wilkie Collins einen Charakter geschaffen, den der Leser nicht mehr so schnell aus dem Kopf kriegt. Höflich, liebenswürdig und allem Anschein nach die gefährlichste Person im Buch - wenn Count Fosco erscheint, dann sind sogar die unberechenbarsten, wutschäumenden Hunde nichts als zahme Haustiere. Dieser Charakter ist so vielschichtig, dass auch nach der letzten Seite bei weitem nicht alle Geheimnisse um ihn geklärt sind. Marian dagegen ist eine ganz andere Geschichte, auf ihre Art aber nicht weniger erinnerungswürdig.

"The lady is dark. The lady is young. The lady is UGLY!"

Mit dieser (gekürzten) Einleitung wird uns Lauras Schwester charmanterweise von Walter Hartright vorgestellt. Marian, bei all ihrer Offenheit, ihrer Herzlichkeit und Intelligenz, fehlt es in ihrer Ausstrahlung an der "Geschmeidigkeit und Sanftmut" ohne die "the beauty of the handsomest woman alive is beauty incomplete." Diese Zeilen sagen ja schon eine Menge über das Frauenbild zur damaligen Zeit aus und im Laufe des Buches wird dieses Frauenbild auch immer wieder von Marian selbst unterstützt. Zwar ist sie der pfiffigste Charakter von allen, relativiert das aber immer wieder, indem sie Sätze sagt, in denen "Ich bin ja nur eine Frau" vorkommt. 
"You see I don't think much of my own sex, Mr. Hartright. No woman does think much of her own sex, although few of them confess it as freely as I do."
Das ist schon ein ziemlich krasses Statement dafür, dass das Buch von einem Mann geschrieben wurde, der ihr diese Sätze in den Mund legt. Alles in allem wäre es dem Charakter nach für mich wesentlich nachvollziehbarer, wenn sich Walter Hartright in Marian statt in ihre liebliche aber für den Handlungsverlauf eher nutzlose Schwester Laura verliebt hätte. Da Marian aber nicht nur mittellos, sondern ausdrücklich auch vom Hals aufwärts grottenhässlich ist - ihr Körper ist der Beschreibung nach wohl ziemlich bombastisch, aber das wiegt ihren "Schnurrbart" ("the dark down on her upper lip was almost a moustache") wohl nur unzureichend wieder auf - wird automatisch davon ausgegangen, dass sie für den Rest ihres Lebens eine alte Jungfer bleiben wird. Das Marian selbst mit diesem Leben aber vollkommen zufrieden sein soll und das einzige was im Leben zählt für sie das Wohl ihrer hübschen Schwester ist, die sie ja so heiß und innig liebt - das nehme ich dem Autor nicht so ganz ab. Ist aber auch Wurscht, das Buch bietet genug Geheimnisse und Verstrickungen, subtilen Grusel und Stress-Momente um auch den heutigen Leser bei Laune zu halten. 

Fazit:

Runde Geschichte aus der viktorianischen Epoche, die auch jetzt noch begeistern kann. Ein überzeugnender Plot mit einigen psychologisch auffälligen Charakteren, die in Erinnerung bleiben und gut gestrickten Wendungen. Dunkle und dichte Atmosphäre und Geheimnisse, die sich auch nach dem Lesen nicht ganz auflösen - so wie sich das für eine Mystery Geschichte gehört! Zur zweiten Hälfte wird es ab und zu etwas langatmig, vor allem die Stelle in der Lauras unsäglicher Onkel seinen Teil zur Erzählung beiträgt, die hätte ich vor lauter Ungeduld fast übersprungen und es reicht wirklich, sie zu überfliegen. Ansonsten aber defintiv empfehlenswert. Genau das richtige für einen stürmischen Herbstabend im Kerzenlicht. 


Ps: Das Buch wurde 1948 verfilmt, wobei der Regisseur wohl nicht nur das Ende geändert, sondern laut dieser ziemlich guten Filmbesprechung den Fakt, dass Marian hässlich sein soll, auch als unwichtig abgetan und einfach ignoriert hat. Gut zu wissen, denn ich hatte mich beim Bilder googlen doch auch schon sehr gewundert, Alexis Smith in der Rolle zu finden. 

The woman in white, 1948, Verfilmung mit Alexis Smith


Samstag, 29. Juni 2013

"an' Ah ain' never been call a nigger" Vom Winde verweht - Die Sklavenfrage [Part I]

Mehrere Leute haben mich nach dem letzten Post - in dem ich von meinem neuen Lieblingsbuch "Gone with the Wind" schwärme - darauf angesprochen, wie das Buch mit der Sklavenfrage und mit Rassismus generell umgeht. Während des Lesens konnte ich diese Frage nicht abschließend beantworten. Außerdem konnte ich mir, das nur als Randnotiz, vorstellen, dass es für die Autorin auch gar nicht so ungefährlich gewesen wäre, ihre Meinung allzu deutlich klarzumachen. Wir befinden uns hier schließlich in den USA der 30er Jahre, Rassentrennung war hochaktuell, Martin Luther King gerade mal eben geboren. 

Nicht die beste Zeit, um allzu deutliche Sympathien zu bekunden. 

Margaret Mitchell hat es meiner Meinung nach verstanden, ihre eigene Position nicht preiszugeben und stattdessen ihren Figuren Kommentare in den Mund zu legen, die den Leser zum selbstständigen Nachdenken bringen sollen. Dabei muss man sich auf sein eigenes Urteilsvermögen verlassen, um zu erschließen wer nun eigentlich nach Auffassung der Autorin Recht haben soll, denn die Hauptcharaktere sind nie definitiv als "gut" oder "böse" eingestuft. Sie alle sind sehr komplex, haben gute und schlechte Seiten, gute und schlechte Gedanken, gute und schlechte Gewohnheiten. Zumindest nach heutigen Standards. Und - sehen  wir es mal nüchtern - es gibt in dem Buch keine einzige Figur, die nicht auf eine bestimmte Weise ziemlich dämlich ist. Wer hier Vorbilder sucht, wird kaum fündig werden. Das war es für mich gerade, was die Geschichte so einzigartig macht. Deswegen war ich mir auch nach intensivem Nachdenken nicht ganz sicher, welche Position die Autorin nun eigentlich propagiert. Ich komme in diesem Post aber zu einer Vermutung.

Im Bezug auf Rassismus in Gone with the Wind sind es letztendlich folgende Fragen, die mir auf der Seele brennen:
  1. Welche Position nimmt das Buch bezüglich der Sklavenfrage ein? Propagiert es Rassismus?
  2. Wie akkurat werden die Sklaven-Besitzer Beziehungen in Gone with the Wind beschrieben? Bzw: Hat die Beziehung zwischen Sklaven und Ihren Besitzern irgendeinen Bezug zur Wirklichkeit, oder ist das romantisierter Quatsch?
Über beide Fragen könnte man wahrscheinlich ein eigenes Buch schreiben, ich werde aber versuchen, mich kurz zu halten. Trotzdem wird die Beantwortung (oder der Versuch einer Beantwortung) der beiden Fragen je einen Artikel in Anspruch nehmen. Dieser hier beschäftigt sich mit der ersten Frage.

  1. Welche Position nimmt das Buch "Gone with the Wind" bezüglich der Sklavenfrage ein? Propagiert es Rassismus?

Das Zitat in der Überschrift stammt aus einer der für mich ergreifendsten Szenen des ganzen Buches. Sie beginnt, als Scarlett nach dem Krieg von ein paar Yankee Frauen gefragt wird, wo sie ein gutes Kindermädchen finden könnten. Hier ist, was passiert: 
"That shouldn't be difficult." said Scarlett and laughed. "If you can find a darky just in from the country, who hasn't been spoiled by the Freedman's bureau, you'll have the best kind of servant possible." Woraufhin die Yankee  Frauen empört antworten, dass sie ihre Babies bestimmt nicht einem "black nigger" anvertrauen, denn "I wouldn't trust them farther then I could see them, they give me the creeps."
Scarlett ist gerade damit beschäftigt, an die "dear and comforting hands" ihrer schwarze Haushälterin "Mammy" zu denken, mit der sie ein engeres Verhältnis hat, als mit ihrer eigenen Mutter, als die Frauen beginnen, sich offen über Uncle Peter lustig zu machen. Der alte Haussklave, der Scarlett an diesem Tag herumfährt und während der obigen Konversation neben ihr sitzt, muss sich gefallen lassen, dass die Frauen ihn mit den folgenden Worten verspotten:
"Look at that old nigger swell up like a toad. I'll bet he's an old pet of yours, isn't he? You southerners don't know how to tread niggers. You spoil them to death." 
Scarletts Reaktion darauf ist extrem aufschlussreich, wenn wir analysieren wollen, wie dieses Buch mit der Sklavenfrage umgeht. 
"Scarlett felt, rather than saw, the black chin begin to shake with hurt pride, and a killing rage swept over her. [...] If it were to her own advantage, she would have endured insults about her own virtue and honesty. But the knowledge that they had hurt the faithful old darky with their stupid remarks fired at her like gunpowder. [...] They deserved killing, these insolent, ignorant, arrogant conquerors."
Wir sprechen hier von Scarlett O' Hara, der Frau ohne Gewissen, die kein Problem damit hat, ihre komplette Nation von den Yankees beleidigen zu lassen, wenn nur sie dadurch Gewinn macht. Die sich sogar selbst beleidigen lässt, ohne dass es ihrem Stolz besonders zusetzt, weil sie ja weiß, dass sie die Yankees letztendlich um ihr Geld erleichtert. ABER in dem Moment, in dem Uncle Peter beleidigt wird, verliert sie um ein Haar ihre Selbstbeherrschung.Sie schafft es gerade so, mit den Worten "Uncle Peter is one of our family. Good  afternoon. Drive on, Peter" die Flucht zu ergreifen, bevor die Sache eskaliert.

 Aus dieser Szene lassen sich mehrere Dinge schließen:
  • Zu Ihren Sklaven hat Scarlett ein engeres Verhältnis und wesentlich mehr Vertrauen als zu irgend einer weißen Person im ganzen Buch, einschließlich ihrer eigenen Familie.
  • Es wird suggeriert (und nicht nur an diesem Punkt), dass die Yankees die Befreiung der Sklaven dazu genutzt haben, um die Südstaaten plattzumachen und die Sklaven gegen ihre früheren Eigner aufzuhetzen, selbst aber wesentlich rassistischer waren, als die Südstaatler, so dass sie folglich nach deren Befreiung nicht mehr wussten, was mit den ganzen ehemaligen Sklaven passieren sollte.
  • Uncle Peter ist "part of the family" und bleibt selbstverständlich freiwillig bei "seiner" Familie, obwohl er die Chance hätte, die neue Freiheit zu nutzen.  
Aus diesen Erkenntnissen ließe sich nun schließen, dass Sklaven in "Gone with the Wind" wohl nicht die geknechteten, unmenschlich behandelten Kreaturen sind, als die sie oft in anderen Geschichten behandelt werden. Sie waren absolut loyal ihrer Familie gegenüber und blieben freiwillig, auch als sie es nicht mehr mussten. Sie hatten eine Vertrauensposition innerhalb ihrer Familie, wurden geschätzt, vielleicht sogar geliebt und beschützt. 

Beschützt?

Und hier kommen wir zu einem der Knackpunkte!
Denn auch wenn es im Licht der Geschichte ja durchaus ehrenwert ist, dass Scarlett Uncle Peter gegenüber einen so starken Beschützerinstinkt hat (immerhin hat sie den nicht vielen Menschen gegenüber, zumindest nicht so offensichtlich), wird doch auch klar, dass Uncle Peter überhaupt keine Chance hat, sich selbst gegen die weißen Frauen zu wehren. Er mag ja ein Teil der Familie sein, aber er ist ganz bestimmt kein gleichberechtigter Teil. Und eine Seite weiter wird klar, dass er das in Scarletts Augen, bei aller Liebe, auch nie sein könnte:
Scarlett thought "What damnable queer people Yankees are! Those women seemed to think that because uncle Peter was black, he had no ears to hear with and no feelings, as tender as their own, to be hurt. They did not know that negroes had to be handled gently, as though they were children, directed, praised, pettet, scolded.[...] Not trust a darky! Scarlett trusted them far more than most white people, certainly more than she trusted any  Yankee. There were qualities of loyalty and tirelessness and love in them that no strain could break, no money could buy." 
Wir sehen also wie Scarlett, als eine der oft am rational denkendsten Figuren des ganzen Buches, vollkommen selbstverständlich davon ausgeht, dass Schwarze zu einer anderen Art Mensch gehören. Im Gegensatz zu vielen anderen Geschichten (Django...) werden die Sklaven hier definitiv menschlicher behandelt (Sscarlett ist zum Beispiel vollkommen aufgebracht darüber, dass die Yankees denken, alle Südstaatler hätten einen "Sklavenhund", der entlaufene Sklaven jagt, oder würden ihre Sklaven regelmäßig auspeitschen) - aber das bringt sie noch lange nicht dazu, Uncle Peter als gleichwertigen Menschen zu sehen. Selbst wenn viele der Eigenschaften, die sie ihm zuschreibt sogar positiver sind, als die, die sie ihren weißen Mitmenschen zuschreibt - sie schreibt ihm unleugbar andere Wesenzüge zu, aus dem einfachen Grund, dass er eine andere  Hautfarbe hat.

Somit ist wohl klar, dass Scarlett durchaus rassistisch ist. 

Allerdings sind das ja immer noch Scarletts Gedanken, womit noch nicht bewiesen ist dass das Buch an sich (bzw. die Autorin an sich) eine rassistische Grundhaltung propagiert. Scarlett ist eben ein Kind ihrer Zeit und dazu erzogen, in bestimmten Denkmustern zu denken. Genau wie alle anderen Menschen dieser Gesellschaft. Schließlich ist die Grundhaltung der allermeisten Männer in diesem Buch auch absolut diskriminierend Frauen gegenüber - was, bei einer solchen Heldin, definitiv keine Meinung ist, die von der Autorin unterstützt wird. Im Gegensatz zur Sklavenfrage wird die Haltung Frauen gegenüber von der Autorin allerdings klar verurteilt: "In fact, men gave the ladies willingly everything in the world except credit for having intelligence." Und das ist nur eines von vielen Zitaten aus denen ersichtlich wird, wie wenig die Autorin von der damaligen Einstellungen Frauen gegenüber hält. Im Gegensatz dazu gibt es im ganzen Buch keine klare Position, die  Rassismus verurteilt. Weder als Bestandteil der Hintergrunderzählung, noch als Satz, der einer der Figuren in den Mund gelegt wurde.Von daher muss wohl davon ausgegangen werden, dass sowohl die  Autorin als auch die Geschichte tendenziell eine rassistische Grundhaltung propagieren.

Sollte man das Buch deshalb nicht lesen?

Im Gegenteil! Ich halte es sogar für sehr lehrreich, was die Einstellung der Menschen zu dieser Zeit betrifft. Und als aufgeklärter Mensch der Gegenwart sollte es wohl möglich sein, alle Gedanken und Handlungen der Menschen damals zu sehen und sich zu denken  - "Gut, dass ich es besser weiß!"

Und falls ihr mal daran zweifelt solltet, ob ihr es wirklich besser wisst, falls mal auch nur der Hauch einer rassistischen Anwandlung bei euch auftaucht - schließlich gibt es auch unserer Gesellschaft immer noch haufenweise gefährlicher, unterbewusster Vorurteile - schaut euch dieses Video an. Es ist verdammt erschreckend zu sehen, wie man Kinder innerhalb von Minuten dazu bringen kann, einander zu diskriminieren. Und ermutigend zu erkennen, dass es eigentlich nur ein bisschen Empathie braucht, um das ganze verlogene Prinzip von Rassismus zu durchschauen - und anzufechten.



Ps: Im Gegensatz zur relativ einfach zu durchschauenden rassistischen Grundhaltung der Figuren finde ich übrigens die Verharmlosung der Sklaverei in diesem Buch wesentlich gefährlicher. Aber dazu dann nächstes Mal mehr. Schönen Gruß an alle, die beim Lesen tatsächlich bis hierhin durchgehalten haben. Ihr kriegt ein Eis.




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Samstag, 22. Juni 2013

"I'm never going to be hungry again!" - Vom Winde verweht [Rezension Teil 1]

Fantastisch.

Definitiv bis jetzt mein bestes Buch der Liste.
Nichts mehr hinzuzufügen.
Ich bin noch ganz atemlos.

Fürs Erste ein paar Stichpunkte.
Gone with the Wind war für mich:

  • 1000 Seiten und ca. eine Woche kompletter Realitätsverlust
  • 5 Tage lang den Feierabend herbeisehnen, um endlich wieder im Amerika des 19. Jahrhunderts anzukommen
  • Ca 10 mal die Minute ärgern über Scarlett O'Hara
  • Mich pausenlos über den Respekt wundern, den ich einer Frau entgegenbringe, über die ich mich ca. 10 mal die Minute ärgere
  • Unzählige atemlose Momente sobald Rhett Buttler ins Spiel kommt, gefolgt von entnervten Seufzern, wenn er wieder verschwindet
  • ein Ansporn, mich über die Sklaven-Besitzer-Beziehungen in den früheren Südstaaten zu informieren
  • ein bleibendes Gefühl des Ärgers über die "damn Yankees" und die "stubborn Southerners"
  • Eine Festigung der Überzeugung, dass Kriege sinnlos sind. Und die Menschen sich immer das Gegenteil einzureden wissen, wenn die Kriege unausweichlich werden. 
  • eine beängstigende Steigerung meines Südstaatenticks
Verzeihung, kennt jemand die Story nicht? Dann kurz ein paar Worte
Zur Story:

Die 16-jährige Scarlett O'Hara, verwöhnte Tochter eines irischen Plantagenbesitzers und einer der größten Damen des Countys Georgia im Jahre 1861, hat es satt, Geschichten vom Krieg zu hören. Die Männer reden von nichts anderem mehr und sind absolut heiß darauf, den eingebildeten Yankees endlich zu zeigen, wo es lang geht. Denn wenn es zum Krieg kommt, ist ja schließlich klar, dass die Südstaatler den Yankees diese Flausen von wegen "Sklaverei ist falsch" sehr schnell austreiben werden. Scarlett ärgert sich über dieses Interesse am Krieg, denn jedes Interesse, das nicht allein ihr gebührt, ärgert sie. Ihr genügt es, die Schönste auf jedem Ball zu sein und allen Männern den Kopf zu verdrehen. Selbst, wenn die schon einer anderen die Ehe versprochen haben. Gerade dann! So ist es kein Wunder, dass Scarlett zwar der Lieblings aller Männer ist, aber keines der Mädchen sie ausstehen kann.

Mitten in dieser Südstaatenidylle voller Bälle, Barbecues und Flirtereien geschehen zwei Dinge, die Scarletts Welt für immer ändern werden: Der einzige Mann, den sie je wirklich geliebt hat, heiratet eine andere - und der Krieg bricht aus. Scarlett, in einer von Männern dominierten Welt plötzlich auf sich allein gestellt, entdeckt dass sie durchaus die Fähigkeiten hat, sich und andere vor dem Hungertod zu retten. Und wenn die ehrhafte Gemeinschaft der Südstaatler auch noch so schlecht von ihr denkt - Scarlett reagiert mit dem Schwur, der 80 Jahre nach Erscheinen des Buches immer noch berühmt ist:
"As God is my witness, as God is my witness, the Yankees aren't going to lick me. I'm going to live through this, and when it's over, I'm never going to be hungry again. No, nor any of my folks. If I have to steal or kill- as God is my witness, I'm never going to be hungry again."

Meine Meinung:

Die erinnerungswürdigsten Charaktere und die verquersten Beziehungen aller Zeiten

Scarlett O'Hara ist wohl kaum eine Vorzeigeheldin: völlig verzogen und nur auf ihre eigenen Wünsche bedacht, nutzt sie Menschen aus, betrügt sie und kümmert sich einen Dreck darum, wie es ihnen dabei geht. Sie vernachlässigt ihre eigenen Kinder und schreckt auch vor Mord nicht zurück, wenn sie damit ihr Eigentum vergrößern kann. Auf der anderen Seite ist sie herzzerreißend mutig und erbittert loyal, wenn es um die Menschen geht, die sie liebt. Davon gibt es nicht viele, aber überraschenderweise gehören vor allem Sklaven dazu.

Melanie Wilkes ist die Frau, die Scarlett's Traummann schließlich heiratet. Scarlett hasst die gutherzige und durch und durch ehrbare Melly aus tiefstem Herzen. Durch eine seltsame Fügung des Schicksals werden die Wege der beiden Frauen aber zusammengeschweißt und die Beziehung zwischen ihnen ist keine, die der Leser so schnell wieder vergisst.

Rhett Buttler. "The dashing soldier of fortune". Oh verdammt noch mal, was für eine verquere Beziehung. Ich war noch nie so fix und fertig, wenn es um eine Liebesgeschichte geht! In der Hälfte der Szenen, in denen Captain Buttler auftaucht, möchte man einfach nur mit dem Kopf immer. wieder. auf. den. Tisch. schlagen. Wenn man ihn nicht gerade heiraten will.
His eyes were wide and blazing queerly and the tremor in his arms frightened her. "I want to make you faint. I will make you faint. You've had this coming to you for years. None of the fools you've known have kissed you like this - have they? [...] Gentleman all - what do they know about women? What do they know about you? I know you." 

Die Geschichte der Südstaaten hautnah


Mit einem mittelschweren Südstaatentick behaftet, war es jetzt keine allzu große Überraschung, dass ich mich Hals über Kopf in das Buch verliebt habe. Hier bekommt man den Fall der Südstaaten, den dickköpfigen Stolz des Volkes, die verqueren Geschlechter Beziehungen und die widersprüchlichen Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen hautnah mit. (Wenn auch ziemlich romantisiert, wie ich befürchte.) Zu jedem dieser Themen würde sich aber ein eigener Post lohnen, weshalb ich hier nun besser aufhöre, sonst wird dieser Beitrag mehrere seiten lang. Für's erste reicht ein kurzes Fazit.

Fazit:
Wundervoll. Mächtig, berauschend, belehrend, zum atemlos Schmökern und ungebremst heulen. Zum Südstaaten lieben und hassen. 

Donnerstag, 9. Mai 2013

Schöne neue Welt...


Hallo Ihr Lieben, ich bin zur Zeit im Urlaub, deshalb verzeiht mir, dass es hier gerade sehr ruhig zugeht. Mein April-Buch fuer die "Buecher die man gelesen haben muss- Challenge" hake ich aber trotzdem noch ab. Nach der Pleite mit dem zweiten Teil der Divergent Trilogie habe ich mich zu einem Re-Read von Aldous Huxleys schöner neuer Welt entschlossen. Das Buch habe ich schon vor über zehn Jahren zum ersten Mal gelesen, daher kannte ich die Geschichte also schon. Trotzdem entdecke ich jedes Mal etwas Neues in ihr.

Zur Story:

Die „schöne neue Welt“ liegt einige hundert Jahre in der Zukunft. In der deutschen Übersetzung spielt die Geschichte in Berlin, was mir jetzt, wo ich die Stadt kenne, zum ersten Mal so richtig aufgefallen ist. Es gibt in ihr keine Krankheiten, keine Angst und keine unglücklichen Menschen. Statt paarweiser Fortpflanzung durch „Eltern“ (Ein Wort, das jedem guterzogenen Bewohner dieser Gesellschaft die Schamesröte ins Gesicht treibt!) werden die Menschen im Labor gezüchtet. Die Gesellschaftsordnung basiert auf einem strengen Kastenprinzip, in dem jeder Mensch nur ganz genau das tun kann, wozu er gezüchtet wurde. Dafür sorgt ein perfekt organisiertes Konditionierungssystem, welches die Menschen schon ab Kleinkindalter darauf konditioniert, nur das zu mögen, was sie später sowieso einmal tun sollen.

So werden den Kindern der Delta-Schicht, die dazu bestimmt sind, später einmal unter Tage zu arbeiten, zum Beispiel mit Elektroschockern versehene Bücher und Blumen präsentiert. Haben sie beim Anfassen dieser Dinge erst einmal oft genug einen tüchtigen elektrischen Schlag bekommen, werden sie sich hüten, im Erwachsenenalter in die Nähe von Büchern oder raus in die Natur zu gehen. Stattdessen lieben sie dunkle Orte und eintönige Arbeit – schließlich wurden ihnen diese Dinge in der Kindheit mit viel Musik und Schokoladeneis schmackhaft gemacht. Und übrigens ist ihr Gehirn sowieso nicht darauf ausgerichtet, komplizierte Arbeit zu verrichten, da ihrer Nahrung schon vor der Geburt Alkohol hinzugefügt wurde, um die Denkfähigkeit angemessen niedrig zu halten. So sind denn alle Menschen glücklich und zufrieden mit ihrem Leben, hüten sich vor eigenständigem Denken, Einsamkeit und engen Bindungen, denn schließlich „ist jeder seines nächsten Eigentum“. Die Liebe existiert nicht mehr, sie macht nur Probleme. Sollte es doch mal vorkommen, dass jemand, trotz Leidenschaftsersatztherapie und Sexualhormonkaugummi, unerklärlicherweise nicht vollkommen glücklich ist, ist immer Soma zur Hand – der Glücklichmacher in Tablettenform, der sorgfältig in der Bevölkerung verteilt wird.

Meine Meinung:

Huxleys Geschichte ist sehr, sehr intelligent. Im Gegensatz zu vielen  anderen Dystopien erschreckt sie nicht durch ihre Brutalität, sondern durch die Nachvollziehbarkeit ihrer Grundsätze und die Machbarkeit ihrer Durchsetzung. Huxley verknüpft sehr geschickt wissenschaftliche Erkenntnisse mit menschlichen Wünschen nach Frieden, Gemeinsamkeit und dem Glücklichsein. Manche der in dem Buch beschriebenen Elemente erscheinen heute überhaupt nicht mehr Sciene Fiction mäßig – die Züchtung von Menschen in Reagenzgläsern zum Beispiel. Huxley selbst schreibt dazu „Damals habe ich meine Geschichte 600 Jahre in die Zukunft verlegt – heute scheint es nicht mehr so unwahrscheinlich, dass uns dieser Schrecken binnen eines einzigen Jahres ereilt.“

Als Leser ist man ein wenig ratlos: Ist an dieser neuen Gesellschaft wirklich alles schlecht? Schließlich gibt es ja keine Kriege mehr, keine Krankheiten, alle sind glücklich. Es gibt  zwar auch keine Liebe mehr, keine Philosophie und keinen freien Willen – aber wenn der Mensch diese Dinge sowieso nicht vermisst, ist das dann so schlimm? Jetzt könnte ich hier natürlich eine seitenlange Abhandlung über das Recht auf freien Willen und seine Konsequenzen schreiben – aber Huxley bewirkt mit seiner Geschichte, dass man nicht umhin kommt, sich seine eigenen Gedanken zu diesem Thema zu machen. Deshalb überlasse ich euch an dieser Stelle euren eigenen philosophischen Erkenntnissen und sage nur: 

Ran Da! Lesen! 

Sonntag, 14. April 2013

Leo Tolstoi, Vater der Verfolgungsjagd-Szene. (Anna Karenina, Rezension Part II)

Was haben James Bond, Matrix Reloaded und Tripple X gemeinsam? Richtig, 
sie alle müssten eigentlich Lizenz-Gebühren an Leo Tolstoi zahlen.

Habt ihr natürlich auch sofort geantwortet. Sehr gut.
Habt ihr nicht? Achso, na gut. ICH ERKLÄR EUCH DAS DANN MAL!

Alle genannten Filme haben neben dem Fakt, dass ein heißer Typ der Hauptrolle spielt eines gemeinsam:

Die Verfolgungsjagd-Szene

Die Verfolgungsjagd-Szene ist sozusagen das Nonplusultra moderner Spannungselemente. Evtl. nicht für die Zielgruppe dieses Blogs, aber zumindest für Männer, die Actionfilme lieben. Warum? Ganz einfach:

  • es geht um Autos
  • und zwar meist um viele
  • viele hochgetunte, schweineteure Autos
  • es ist laut
  • es ist schnell 
  • es macht Bumm (weil normalerweise mindestens einer der Verfolgungsjagd-Teilnehmer mitsamt seines Wagens lautstark in die Luft fliegt. Kommt ja nun mal immer wieder vor, dass mitten auf der Autobahn schräg geparkte LKWs rumstehen, in die man dann reinkracht. Und wer sich ein bisschen mit Autos auskennt, der weiß, das Autos im Falle eines Zusammenstoßes IMMER innerhalb von 5 Sekunden explodieren.)
  • durch den Kameraschnitt hat man das Gefühl, live dabei zu sein und quasi selbst im Wagen zu sitzen (natürlich in dem, der gerade nicht explodiert.)
Auch Tolstoi wusste um die Dramatik dieses Elements. War ja schließlich auch ein Mann, gell? Was tut man aber, wenn man in einem Zeitalter lebt, in dem Autos für die Allgemeinheit noch gar nicht existieren? 

Ein Königreich für ein Pferd!

Wir kommen zu: Anna Karenina, Buch 2, Kapitel 25: Die Pferderennenszene.

Was für eine Szene! Was heutzutage Meisterregisseure unter Einsatz teuerster Kameras und einer ganzen Horde von Schnittechnikern bewerkstelligen, das erreicht Tolstoi mit Worten. Seine Szene, in der Alexei Wronski an einem gefährlichen Pferderennen teilnimmt und dabei fast draufgeht, ist so spannend, dass mein armer kleine Finger nach dem Lesen ganz blau angelaufen war. (Sobald es spannend wird, fange ich leider an, auf meinen Fingern herumzukauen, ich kann es mir nicht abgewöhnen.)

Die Szene hat alles, was eine richtig gute Verfolgungsjagd-Szene braucht - nur halt 19. Jahrhundert Style!
  • es geht um Pferde
  • 17 Pferde
  • wertvolle, hyperschnelle, extra für diesen Zweck gezüchtete Rennpferde
  • wenn die majestischen Hufe auf dem Boden aufschlagen kommt es zu einem Geräuschpegel, der nur durch die gellenden Anfeuerungsrufe des Publikums übertönt wird (okay, das steht nicht wirklich im Text, aber ich schätze, es ist laut.)
  • es ist schnell (bisschen weniger schnell als in Tripple X, aber das ist bei dem Verhältnis der Pferdestärken auch nicht zu vermeiden. Jeder, der mal auf dem Rücken eines Pferdes im gestreckten Galopp geritten ist, weiß aber, dass Porsche fahren da nicht mithalten kann*.)
*Dieser Satz ist tollkühn geraten, da ich weder das eine noch das andere jemals probiert habe.
  • es macht Bumm. Zumindest für den unglücklichen Herrn Kusowlew, der auf seinem Pferd Diana ein Hindernis reisst. Ich gebe euch jetzt eine kleine Kostprobe von Tolstois Spannungsaufbautechnik à la Pferderennen. Die für uns wichtige Aufstellung ist hier folgende: 
1. Wronski auf Frou Frou
2. Machotin auf Gladiator
3. Kusowlew auf Diana

LOS!
"Die Zuschauer hatten den Eindruck gehabt, dass sie alle zugleich losgeritten waren; die Reiter aber waren sich des Sekunden betragenden Zeitunterschiedes bewußt, der für sie große Wichtigkeit hatte. 
Die aufgeregte und gar zu nervöse Frou Frou hatte den ersten Augenblick verpasst und mehrere Pferde hatten gleich vom Start an einen Vorsprung vor ihr; aber noch ehe sie das Flüßchen erreicht hatten, überholte Wronski, der mit aller Kraft das sich in  die Zügel legende Pferd zurückhielt, mit Leichtigkeit drei seiner Vordermänner. (...) In den ersten Augenblicken hatte Wronski weder sich noch sein Pferd in der Gewalt. Bis zum ersten Hindernisse, dem Flüßchen, war er nicht imstande die Bewegungen seines Pferdes zu bestimmen. 
Gladiator und Diana kamen zusammen dort an; fast im gleichen Augenblick richteten sie sich an dem Flüßchen auf und flogen nach der anderen Seite hinüber; sanft und unmerklich, als wenn sie flöge, schwang sich hinter ihnen Frou Frou in die Höhe; aber in demselben Augenblicke da Wronski sich in der Luft fühlte, erblickte er plötzlich, fast unter den Füßen Frou Frous, Kusowlew, der sich mit seiner Diana am anderen Ufer des Flüßchens auf dem Boden wälzte. Kusowlew hatte nach dem Sprunge die Zügel fahren lassen und das Pferd hatte sich mit ihm überschlagen. Diese Einzelheiten erfuhr Wronski später; jetzt sah er nur, daß gerade unter Frou Frous Füßen, da wo sie hintreten mußte, ein Bein oder der Kopf von Diana zu liegen kommen mußte.
Aber Frou Frou machte wie eine fallende Katze während des Sprungs eine kräftige Bewegung mit den Beinen und dem Rücken, wodurch sie einen Zusammenstoß mit dem anderen Pferde vermied und jagte weiter. "O du mein liebes Tierchen!" dachte Wronski."
  • Wenn ihr da jetzt nicht das Gefühl hattet, ihr wäret live dabei, kann ich euch auch nicht helfen. Ich habe an dieser Stelle schon Blut und Wasser geschwitzt und, wie von Tolstoi beabsichtigt, Wronskis Stute Frou Frou ins Herz geschlossen. Die Stute hat ihm schließlich wahrscheinlich gerade das Leben gerettet. Wronski dankt es ihr auf eine Weise, die für den Rest des Buches das Gefühl des Lesers zu seinem Charakter bestimmt. Die letzte Szene des Rennens ist hochspannend und ich würde sie gerne hier aufschreiben, aber da sie zu den für mich beeindruckendsten Szenen des ganzen Buches gehört, kann ich hier nicht spoilern. Es reicht zu sagen, dass sich damit meine Einstellung zu Wronski zementiert hat, dem ich von Anfang an misstrauisch gegenüber stand.  
Fazit: Wenn ihr euch auch sonst nicht an Tolstoi herantraut, oder keine Lust habt, Anna Karenina zu lesen: Diese Szene solltet ihr zumindest mal anlesen, es lohnt sich.

Ps 1: Sollte die Szene oben euch wider Erwarten kalt gelassen haben, lest sie bitte in eurem Kopf (von mir aus auch laut!) noch einmal in der folgenden Tonart:



Ps 2: Den ersten Teil der Rezension zu Anna Karenina findet ihr hier.

Donnerstag, 4. April 2013

Warum jeder Autor eine 2. Chance bekommen sollte. (Anna Karenina, Rezension Part I)

Letztes Jahr um diese Zeit (und gefühlt vor 10 Jahren) habe ich versucht, "Krieg und Frieden" von Leo Tolstoi zu lesen. Ich bin schmählich gescheitert und habe nach 400 Seiten - davon ca die Hälfte überblättert - entnervt aufgegeben. Und damit wäre Leo Tolstoi für mich für alle Zeiten verloren gewesen - hätte es nicht diesen Blog gegeben. ABER ES GIBT IHN JA.

Ohne viel Elan und voller Vorurteile habe ich mich also schweren Herzens Mitte März an Anna Karenina getraut. 

Es folgt: Das Protokoll einer Verzauberung. (Part I)

Russland, Ende des 19. Jahrhunderts. Ich werde hineingeworfen in die Ehekrise des Fürsten Stefan Oblonski und seiner Frau Dolly. Er hat sie betrogen (schon seit Jahren), sie hat es jetzt erst herausgefunden. Der Hausfrieden hängt schief, die Dienerschaft ist verzweifelt, die Rede ist von Trennung. Während seiner Frau das Herz bricht, fragt er sich, warum. So richtig hübsch war sie ja schon lange nicht mehr und ganz ehrlich - wer kann es ihm da verübeln, dass er ein bisschen Spaß mit der jungen Gouvernante hat? Da hätte sie doch mit rechnen müssen? Dieser durchaus gutmütige, allseits beliebte, aber leider nicht ganz so helle Fürst hat es innerhalb von zehn Minuten geschafft, dass ich mitten in der Geschichte stecke. Übrigens auf Dollys Seite.

Auftritt Anna. 
Ich fragte mich schon, wo sie bleibt. Anna Karenina ist die Schwester des Fürsten Oblonski. Eine bezaubernde, wundervolle, energiesprühende Person. 
"Anna machte gar nicht den Eindruck einer Weltdame oder der Mutter eines achtjährigen Sohnes, sondern ähnelte eher einem zwanzigjährigen Mädchen in der Biegsamkeit ihrer Bewegungen, in der Frische ihres Wesens und in der ein wenig zurückgehaltenen Lebhaftigkeit ihres Gesichtes..."
Sie ist angereist, um die Ehe ihres Bruders zu kitten. Mit Mitgefühl und sehr viel Verständnis für beide Parteien gelingt es ihr, die Beiden zu versöhnen. Und hier, an diesem Punkt, in Kapitel 28 des ersten Buches, beginne ich zum ersten Mal zu verstehen, was für ein meisterhafter Erzähler Leo Tolstoi ist!

Denn durch eine ganz kleine Szene gelingt es ihm, der Euphorie des Lesers, der schon unvermittelt angefangen hat Anna zu lieben, weil alle in ihrer Nähe so begeistert von ihr sind, einen dumpfen Unterton zu verleihen.

Es beginnt damit, dass Anna, sobald sie das Zimmer betritt, sofort von den vielen Kindern ihres Bruders umringt wird.
"Ob es nun daher kam, dass die Kinder sahen, wie sehr ihre Mama diese Tante liebte, oder daher, daß sie selbst an ihr Gefallen gefunden hatten: (...) sie hatten sich schon vor dem Mittagessen wie Kletten an die neue Tante gehängt und waren keinen Augenblick von ihr gewichen. (...) "Nein, ich zuerst! Nein, ich!" schrien die Kinder, die mit ihrem Tee fertig waren und nun wieder zu Tante Anna hereingestürmt kamen. "Alle zugleich!" rief Anna und lief ihnen lachend entgegen, umarmte sie und warf sich mit diesem ganzen kribbelnden, vor Entzücken kreischenden Kinderschwarm auf den Boden."
WAS FÜR EINE FRAU! 

Und dann kommt der Abend. Ein Ball. Was dort los ist, werde ich erst mal nicht sagen, denn eventuell geht es euch ja wie mir und ihr habt es geschafft, durch eure komplette Schullaufbahn zu kommen, ohne jemals zu erfahren, warum die Figur der Anna Karenina so berühmt geworden ist. Das will ich euch natürlich nicht nehmen, falls ihr das Buch mal lesen wollt. 

Ich schreibe euch nur ein paar Worte Tolstois auf und lasse die folgende Szene, die am nächsten Tag stattfindet, wirken. 
"Dolly und Anna speisten allein mit den Kindern und der Engländerin. Kam es nun daher, daß Kinder unbeständig sind, oder daher, daß sie feinfühlig sind und diese hier es herausfühlten, daß Anna heute eine ganz andere war als an jenem Tage, da sie sie so liebgewonnen hatten, und sich nicht mehr für sie interessierte: genug, sie hatten die Lust, mit der Tante zu spielen, ganz verloren, auch mit der Liebe zu ihr war's zu Ende, und daß Anna nun abreiste, machte ihnen gar keinen Eindruck."
... ich weiß ja nicht, ob es euch jetzt genauso geht wie mir, aber mich hat dieser Sinneswandel der Kinder unbewusst tief beeindruckt und bei mir ein sehr zwiegespaltenes Gefühl zu dem Charakter der Anna Karenina bewirkt. Mit diesen paar Sätzen, scheinbar nebensächlich, gibt Tolstoi ein Gefühl vor, das mich seiner Hauptfigur gegenüber das ganze Buch begleiten wird. 

Das Buch ist so vielschichtig, dass ich es unmöglich in einem einzelnen Post behandeln kann, deshalb werde ich mir einige besondere Szenen herauspicken und Ihnen jeweils einen Part widmen. Allerdings werde ich wohl ab dem nächsten Part anfangen müssen zu spoilern, deshalb hier schon einmal ein sehr knappes, kurzes Fazit für alle, die das Buch nicht kennen und es vielleicht noch lesen möchten. (Ich bin übrigens selbst erst zu zwei Drittel durch, also ist ein abschließendes Fazit eh noch nicht möglich.)

Fazit
Anna Karenina ist für mich eine große Überraschung und ganz anders als Krieg und Frieden. Abgesehen davon, dass es nur eine handvoll wichtiger Charaktere gibt und diese sich diesmal auch vom Namen her ganz gut unterscheiden lassen, geht Tolstoi hier detailliert auf die Gefühle seiner Figuren ein. Und dabei zeichnet er ein dermaßen realistisches Bild, dass ich mir wirklich vorkomme wie im Russland des 19. Jahrhunderts. Die Geschichte fließt sehr langsam dahin und Tolstoi nimmt sich extrem viel Zeit, einzelne Szenen zu entwickeln. Wenn ich mich nicht so in die Szenerie, das Land und die einzelnen Figuren verliebt hätte, würde ich mich wahrscheinlich furchtbar langweilen. Da ich aber glücklicherweise sowieso eine Leidenschaft für Russland, das neunzehnte Jahrhundert und die Landwirtschaft habe, schafft es die Geschichte, mich in ihre Welt abtauchen zu lassen. Außerdem gibt es so viele Lesemomente in denen ich mir denke "Wahnsinn, ist der Mann brilliant!", dass auch ein bisschen Langeweile wieder aufgewogen wird.

Ich empfehle das Buch unter Vorbehalt, da ich glaube, dass es sehr stark von der Persönlichkeit des Lesers und eventuell auch von seiner momentanen Stimmung abhängt, ob die Gesichte es schafft, ihn zu fesseln, zu beeindrucken und eventuell sogar in eine andere Zeit zu entführen.

Hier ein Trailer der 2012 Verfilmung, in der leider Keira Knightley, die ich nicht ausstehen kann, die Hauptrolle spielt. Meiner Meinung nach verrät der Trailer aber schon viel zu viel von der Geschichte um Anna und ignoriert komplett die anderen Figuren, die das Buch zu etwas besonderem machen. Hat jemand den Film gesehen? Kommen die anderen Geschichten da wenigstens auch mal vor?




Ps: Sorry, die Cover sind durchweg bescheuert. Entweder sieht Anna total furchtbar aus oder sie ist Keira Knightley was meiner Meinung nach nur eine unwesentliche Verbesserung ausmacht. Ich habe deshalb oben das Cover der eBook Version - die ich gerade lese - genommen, welches zwar auch nicht grandios ist, aber ich kann zumindest sagen, dass der Inhalt der "Null Papier" Version toll übersetzt und schön illustriert ist.

Mittwoch, 6. März 2013

Wir brauchen mehr Helden! (To kill a mockingbird)

To kill a Mockingbird (1960), Harper Lee

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich schonmal so lange an einem Buch gelesen habe. Ich habe "To kill a mockingbird" angefangen, als ich im November nach Berlin gezogen bin und seitdem - in kleinen Dosen - immer mal wieder ein paar Seiten gelesen. Dabei ist das Buch mit 300 Seiten wirklich nicht besonders dick. Ich bin mir gar nicht sicher, woran es liegt, dass ich so lange gebraucht habe. Vielleicht weil es mir anfangs schwerfiel, in die Geschichte einzusteigen. Und doch hat mich dieses Buch so beeindruckt, wie schon lange keins mehr. Ich mag Geschichten, aus denen ich mir Grundsätze mitnehmen kann und ich habe einen neuen Helden: Atticus Finch.

Zur Story

Harper Lee hat hier keinen spannungsgeladenen Thriller geschrieben, sondern einen authentischen Einblick in die Gedankenwelt einer Kleinstadt in den Südstaaten der USA Anfang der Dreißiger Jahre. Wie in jeder kleinen Stadt kennt hier jeder jeden, es wird geklatscht und getratscht und die Menschen sind so in ihre Vorurteile eingewickelt, dass es Ihnen schwerfällt, über den Tellerrand zu schauen. Hinzu kommen hier allerdings noch unverhohlener Rassismus und lange anerzogenes Standesbewusstsein. In dieser Gesellschaft ist es nahezu unmöglich, nach anderen Prinzipien zu leben. Atticus Finch allerdings schafft es, stets nach seinen moralischen Grundsätzen zu handeln. Als Anwalt und Mitglied einer angesehenen Familie kann er sich das so lange erlauben, bis er die Verteidigung eines Mannes annimmt, dessen Schuld von Anfang an feststehen muss - denn es gilt das Wort schwarz gegen weiß. 

Meine Meinung

Das Buch wird aus der Sicht der achtjährigen Tochter von Atticus Finch erzählt. Mit der Wahl dieser Erzählstimme ist Harper Lee etwas gelungen, was anders schwerlich möglich gewesen wäre: die Idiotie erwachsener Menschen mit schonungsloser Ehrlichkeit aber gleichzeitig frei von Bösartigkeit zu portraitieren. Durch die Kinderstimme habe ich allerdings ziemlich lange gebraucht, um in die Geschichte hineinzufinden, denn Harper Lee kann sich fast ein wenig zu gut in die Gedankenwelt eines kleinen Kindes versetzen und es gibt einige Szenen, die sich meiner Meinung nach am Anfang ziemlich in die Länge ziehen.

Scout Finch, deren eigentlichen Namen Jean Luise fast nie jemand benutzt, sieht mit kindlicher Naivität zu, wie ihr Papa in immer größere Gefahr gerät - ohne zu verstehen, was eigentlich vor sich geht. Für sie ist es selbstverständlich, dass ein Mann, der offensichtlich unschuldig ist von der Jury freigesprochen wird - selbst wenn er schwarz ist. Als das nicht geschieht, versteht sie die Welt nicht mehr. Ihrem Vater dagegen ist vollkommen bewusst, dass er sich mit der Verteidigung eines schwarzen Mannes, und sei er noch so unschuldig, gegen einen Weißen - selbst wenn dieser als Alkoholiker und brutaler Tunichtgut bekannt ist - den Hass einer Menge Menschen zuzieht. Atticus Finch tritt den Kampf gegen die Irrationalität und Ungerechtigkeit seiner Gesellschaft mit den ihm eigenen Waffen an; stoische Gelassenheit und eiserne Höflichkeit. Und dieses leise, sanfte aber unerbittliche Festhalten am Guten ist es, was die ganze Geschichte so eindrucksvoll macht. 

"I wanted you to see what real courage is, instead of getting the idea that courage is a man with a gun in his hand. It's when you know you're licked before you begin but you begin anyway and you see it through no matter what. You rarely win, but sometimes you do."
Atticus Finch ist sich bewusst, dass er die Menschen nicht ändern kann. Und es gelingt ihm, die Menschen dafür nie zu verurteilen. Aber er selbst muss sich ihnen deshalb noch lange nicht anpassen und er achtet darauf, dass es auch seine Kinder nicht tun.

"Do you defend niggers, Atticus?" I asked him that evening.
"Of course I do. Don't say nigger, Scout. That's common."
"'s what everybody at school says."
"From now on it will be everyody less one."

Neben einer ganzen Menge zitationswürdiger (ist das ein Wort? Das ist doch kein Wort, oder?) Aussprüche und Dialoge hat Harper Lee aber auch sehr feine, sehr ironische Charakterstudien einfließen lassen, umso schärfer, da sie aus dem Mund eines unbedarften Kindes stammen.

"True enough, Miss Maudie had an acid tongue in her head, and she did not go about the neighbourhood doing good, as did Miss Stephanie Crawford. But while no one with a grain of sense trusted Miss Stephanie, Jem and I had considerable faith in Miss Maudie."
Die beeindruckendste Szene

Die für mich mit Abstand beeindruckendste Szene ist die, als Scout und ihr Bruder Jem unbewusst in eine hochgefährliche Situation platzen. Es ist der Abend vor der Verhandlung und Atticus hat sich wohlweislich vor der Zelle seines Mandanten postiert, falls einige Stadtbewohner es sich in den Kopf gesetzt haben sollten, der Verurteilung schon mal zuvorzukommen. Während Atticus nun als einzelner Verteidiger einem wütenden, bewaffneten Mob gegenübersteht, läuft Scout zu ihrem Vater - mitten hinein in die aufgebrachte Menge. Verwirrt von der aggressiven Stimmung um sie herum und davon, dass niemand der Erwachsenen mit ihr spricht, macht sie höflich Konversation. Vollkommen aus dem Konzept gebracht von dieser personifizierten Unschuld mitten in ihrem Schlägervorhaben kommen die Männer schließlich zu Sinnen und die Situation entgeht gerade noch der Eskalation. Eine sehr, sehr starke Szene, die mir einfach nicht mehr aus dem Kopf geht.

...und eine Portion Südstaatencharme.

Neben all den moralischen Lektionen die Harper Leee zu bieten hat, hat die Geschichte aber vor allem auch durch ihr Südstaatensetting mein Herz gewonnen. Keine Ahnung, ob hier überzogen mit Stereotypen gespielt wird, aber es gibt alles, was man von einer ordentlichen Südstaatengeschichte erwartet: Die snobistischen Southern Belles, die sich zu selbstgemachten Köstlichkeiten auch die neuesten Gerüchte auftischen. Die fanatischen Kirchenmänner, die sogar in der Pflege eines schönen Gartens Anzeichen der Sünde erkennen. Und die toughe schwarze Haushälterin, die in wunderbar authentischem Slang -zumindest gehe ich davon aus, dass es authentisch ist, ich war ja nie dort! - den Kindern ihres Haushalts einimpft, was Südstaaten Gastfreundlichkeit bedeutet. 

(In dieser Szene hat Scout gerade einen Klassenkameraden mit nach Hause gebracht, dessen Familie bekanntermaßen nicht viel Geld und kaum etwas zu essen hat. Nachdem dieser sich beim Essen nicht wirklich nach Scouts Auffassung von Tischmanieren benommen hat, beginnt sie ihn auszulassen - wird allerdings von Haushälterin Calpurnia streng zurecht gewiesen. Es entspannt sich der folgende Dialog, den sich auch jeder Deutsche einmal sehr genau durchlesen sollte. Mit Gastfreundlicheit ist es nämlich hier auch oft nicht fürchterlich weit her.)

"There's some folks who don't eat like us." she whispered firmly, "but you ain't called on to contradict them at the table when they don't. That boy's yo' Comp'ny and if he wants to eat up the table-cloth you let him, you hear?"
"He ain't company, Cal, he's just a Cunningham -"
"Hush your mouth. Don't matter who they are, anybody sets food in this house's yo' comp'ny, and don't you let me catch you remarkin' on their ways like you was so high and mighty! Yo' folks might be better'n the Cunninghams but it don't count for nothin the way you're disgracin' 'em."

Fazit

Mit Verständnis und eiserner Höflichkeit gegen Engstirnigkeit und Blödheit - wir sollten uns alle ein Beispiel an Atticus Finch nehmen! 


Samstag, 26. Januar 2013

Emma - Mein Fazit

Tja, ich drücke mich nun schon seit Sonntag vor dem Fazit. Leider wird es davon, dass ich irgendwann das Ende vergesse, auch nicht besser. 

Vorweg: Wer die letzten drei Beiträge zu diesem Thema noch nicht gelesen hat, fängt am Besten mit diesem Post an. Der ist noch völlig spoilerfrei also auch für diejenigen geeignet, die das Buch gerne noch lesen möchten. Post 2 und 3 zum Thema sind nur noch für aktive Emma-Fans (Und Anti-Fans) geeignet, da wird gespoilert, dass die Tastatur raucht. Und auch dieses Fazit ist nur für diejenigen gedacht, die das Ende sowieso kennen. (Und mich trösten möchten...)

Das positive zuerst: Ich bin absolut HAMMER im Enden voraussagen, gebt es zu! 

Das nicht so gute: Das Ende hat mich nun aber wahrhaftig nicht mehr vom Hocker gehauen. Nach diesem kleinen Aufreger mit Harriet hat Jane Austen die Geschichte viel zu schnell zu Ende gebracht. Wozu das Drama-Element mit einfliessen lassen, wenn sie es dann im Sande verlaufen lässt? Gut, wir haben noch einmal bewiesen, dass Emma sogar auf ihr persönliches Glück verzichtet hätte, um die sich ihrer Meinung nach anbahnende Liebesgeschichte zwischen Harriet und Mr. Knightley nicht zu zerstören. Allerdings sind ihre Gedanken Harriet gegenüber schon hier nicht mehr besonders nett und es stellt sich dann ziemlich schnell heraus, dass Jane Harriet gegenüber wirklich keine besonders tolle Freundin ist, war oder jemals sein wird. 

PLUS: Mich beschleicht da so ein kleiner Verdacht, dass das Problem gar nicht bei Emma liegt. Sondern bei Jane Austen. Ähm - ist Jane Austen ein Snob? Darf ich das fragen? Liege ich total falsch? Oder bin ich ein bisschen doof, das mir das jetzt erst auffällt? Nach euren absolut kryptischen Kommentaren unter meinen letzten Posts muss euch ja jetzt ein Stein vom Herzen fallen, dass ihr mir wieder offen antworten dürft. 

Insgesamt hat mich das Buch irgendwie an meine Grundschulgeschichten erinnert: Es fängt langweilig an, wird dann spannender, dann kommt ein ganz toller, spannender Einfall, der den Höhepunkt der Geschichte darstellt - und dann hatte ich keine Lust mehr und hab die Geschichte irgendwie so larifari schnell mal zu Ende geschrieben. 
Wie unromantisch ist denn bitte die Hochzeit von Harriet und Mr. Martin? Also nicht, dass man die Hochzeit überhaupt mitbekommt, aber wie sie den Antrag annimmt, ist ja schon der absolute Reinfall für so Romantiker wie mich, die auf die große Liebesversöhnung gehofft hatten. In meinem Kopf ist die ganze Zeit diese Verlierer-Melodie von "Wer wird Millionär" auf Dauerschleife gelaufen, dieses "Nötnötnöööööt"

Ich bin mir auch überhaupt nicht schlüssig, ob Jane Austen hier einen Punkt macht (so wie sie in Stolz und Vorurteil die fiese Hochzeit der Lizzy-Freundin einfädelt) oder ob sie einfach wirklich nur schnell die Geschichte zu Ende bringen wollte. Realismus, Zynismus, Austen`sche Genialität? Oder Faulheit?

Ich weiss es echt nicht genau, ihr dürft mir gerne die Meinung sagen!

Nichtsdestotrotz muss ich sagen, dass ich die Geschichte sshr genossen habe. Es macht naemlich eifach Spass, sich ueber Emma zu aergern, was wohl daran deutlich wird, dass ich noch NIEMALS vorher so viele Posts zu einem einzigen Buch geschrieben habe.

Samstag, 19. Januar 2013

Jane Austen muss meine Kueche putzen! (Emma, Part III)

Da sitze ich nichtsahnend, an meinem Tee schluerfend am Fruehstueckstisch, eben noch voller Mitleid mit Emma (jaja, ihr wusstet es alle schon vorher...) und ploetzlich ueberschlagen sich hier die Ereignisse! Da nehme ich sogar das nervige Handytippen auf mich, aber ich muss mir mal kurz Luft machen. Jetzt hat Miss Austen es doch noch geschafft, mich zu ueberraschen!

Um euch kurz auf meinen Lesestand zu bringen: Sie waren gerade alle auf diesem schrecklich peinlichen Ausflug, auf dem Emma es irgendwie geschafft hat, die arme Miss Bates mit einem einzigen Kommentar so zu verletzen, dass es ihr auf der ganzen Rueckfahrt hundeelend geht. Da mir sowas dank angeborener grosser Klappe auch schon einige Male passiert ist, kann ich sehr gut verstehen, wie Emma sich nun fuehlt. Und hier nur Respekt fuer Emma, sie versucht das vorbildlich wieder gerade zu biegen. (Sie hat sich zwar nicht offen entschuldigt, aber das haette die Situation wahrscheinlich nur noch schlimmer gemacht.)

 Dann kommt das, was alle totaaaal ueberrascht, ich aber schon voraus gesagt habe (BAZINGA!!!) Jane Fairfaxx und der Weston Sohn (ich hab den Namen grad noch gewusst... )haben was miteinander. Das macht ihn dank seiner Handlungen im Nachhinein zwar nicht unbedingt sympathisch, aber naja, wir waren ja alle mal jung, ne? (Sprach sie in ihrer unendlichen 25jaehrigen Weisheit). ABER DANN KOMMTS:

Emma ist voellig zerknirscht, weil sie doch denkt, dass Harriet in den Weston Sohn und so... und ich sitz hier und reib mir kichernd die Haende weil Harriet ja gleich sagen wird, dass sie doch die ganze Zeit ihren Mister Martin meinte und nicht den Frank (Ach genau, Frank Churchill) und dann heiraten sie und kriegen Kinder und haaach Happy End... UND WAS MACHT HARRIET?! 

 Harriet verknallt sich in Mr. Knightley!!! Whoooot? 

Das geht aber doch nicht, Harriet, der soll doch Emma heiraten! Und was passiert denn jetzt mit meinem armen Mister Martin? 

Ich muss weiterlesen.

Gruesse von einer noch vor dem Fruehstueck nervlich vollkommen geschafften Mila, die gerade vor lauter Ueberraschung Tee durch die ganze Kueche geprustet hat. Liebe Jane Austen, wie willst du denn dieses Chaos nun wieder entwirren? (Und ich meine das Emma-Harriet Chaos, nicht meine Kueche).

Dienstag, 15. Januar 2013

Wie Emma wahrscheinlich endet (meine Prophezeiungen)


Ich schlug soeben die Seite um, deren letzter Satz da war: „Happy the man who changes Emma for Harriet“. Mit ehrlicher Verehrung der Naivität ihrer Freundin und getrieben von schweren Gewissensbissen, philosophiert da also unsere Promqueen vor sich hin, wie sehr Harriet ihr moralisch überlegen ist. Sie scheint ernsthaft bereit an sich zu arbeiten, die Emma. Mal schauen was da noch kommt. Vorher werde ich nun aber, da ich nun ca. bei der Hälfte des Buches angekommen bin, mal kurz einen Tipp abgeben, wie die Geschichte meiner Meinung nach enden wird. Einfach um hinterher sagen zu können: HA! Ich wusste alles schon vorher und nur EMMA hatte KEINE AHNUNG! Mwaahahaha!

[Achso: Wer der Geschichte noch vor sich hat, liest nun nicht mehr weiter, denn alles was in der ersten Hälfte des Buches passiert wird nun natürlich gnadenlos gespoilert!]

Das würde mir durchaus Genugtuung bereiten, denn von eurem groß angekündigten Charakterwechsel hat sich mir noch nicht sooo viel erschlossen. Emma ist zwar in der Lage einzusehen, wenn sie den Menschen die sie liebt weh getan hat, aber das ändert nichts daran, dass sie ein gnadenloser Snob ist. Und jetzt kommt mir nicht mit ihrer (V)erziehung, denn ihr Vater ist, soweit ich sehe, überhaupt nicht arrogant und versnobt. Diese Charaktermacke hat Emma sich also ganz allein zuzuschreiben. Soeben plante unsere High-School Prinzessin, eine Einladung nur deswegen nicht anzunehmen, weil die Leute die sie ausgesprochen hatten, einen sehr viel niedrigeren Stand haben als sie. Und wie können die es schließlich wagen? Da hätte sie dann natürlich schon einfach aus Prinzip abgelehnt, dann würden diese Neureichen schon sehen, was sie davon hatten, die hochgeborene Miss Emma einzuladen! (Sie ist dann doch hingegangen, alle ihre Freunde hatten nämlich schon angenommen. Da frage ich mich – woher hat Emma überhaupt so viele Freunde?!) Jaaaa… sie hat auch schon ein paar nette Seiten gezeigt: Sie liebt ihre Familie, ihre Gouvernante, ihr Dummchen und hilft den Armen. Außerdem ist sie zerknirscht, dass ihre Freundin wegen ihr nun ein gebrochenes Herz hat.
Mehr positive Sachen fallen mir nicht ein.

Auch hat sie die viel gepriesene Emma’sche Cleverness noch nicht übermäßig eingesetzt. Sie denkt immer noch, sie wüsste alles und hat aber eigentlich keine Ahnung. Zum jetzigen Zeitpunkt bin ich mir nicht hundertprozentig sicher, ob in diesem Jane Austen Roman nur Emma so nichtsahnend ist, oder ob Jane Austen nicht auch ein kleines bisschen ihre Leser in die falsche Richtung lenkt und am Ende was ganz anderes passiert, als man vermutet. Ersteres ist aber meiner Meinung nach deutlich wahrscheinlicher, deswegen prognostiziere ich nun einfach mal die folgenden Entwicklungen:

  • ·       Harriet heiratet doch noch den guten Mr. Martin (Das ist mir wichtig! Ich liebe die Szenen wenn die beiden sich treffen und alles so richtig schön peinlich ist, so wie in der sechsten Klasse nachdem man im Liebesbrief „nein“ angekreuzt hat. Die sind irgendwie so süß dabei.) Sie hat ihn zwar nicht verdient, aber er liebt sie so sehr und sie ist bestimmt eine gute Ehefrau, wenn sie sich erst mal drauf eingestellt hat. Wahrscheinlich wird er dann irgendwann intellektuell unterfordert sein, aber da ist das Buch ja schon längst zu Ende, also muss ich mich damit nicht mehr auseinandersetzen
  • ·       Der Sohn von Mr. Weston (Mist, Namen vergessen!) heiratet die Jane Fairfax. Ist doch klaaaar, dass er nicht nach London geritten ist, um sich die Haare zu schneiden. Der hat ihr da den Flügel besorgt. (Oh, ich hoffe das hab ich richtig kombiniert, ich fühl mich nämlich echt clever deswegen!) Also die beiden haben sich ineinander verliebt, als sie sich da auf diesem Bootsausflug getroffen haben. Die Geschichte mit Jane Fairfax und dem Mann ihrer Freundin existiert nur in Emmas Fantasie und ist nie geschehen. Jane Fairfax kann ich noch nicht einschätzen, aber der Mr. Weston Sohn ist eigentlich ein oberflächlicher Charmeur, der andere Menschen nur danach einsetzt, was für ihn am besten ist. Deswegen ist er auch nicht vorher zu seinem Vater gekommen – für den er sich eh nicht interessiert – sondern erst als die Jane auch da war. (Und für Emma interessiert er sich eigentlich kein bisschen, sondern macht ihr nur scheinbar den Hof, um davon abzulenken, was zwischen ihn und Jane läuft. Und um Jane eifersüchtig zu machen?)
  • ·     Emma heiratet Mr. Knightley. Hallo? Der einzige Mann mit Verstand, der einzige Mann, der Emmas Fehler erkennt und ihr die Meinung sagt? NATÜRLICH heiraten die! Und dann ist da ja noch dieses unbestimmte schlechte Gefühl, das Emma jedes Mal hat, wenn jemand ihr sagt, dass Mr. Knightley in Jane verliebt ist. Natürlich nur, weil der kleine Knightley dann sein Erbe verliert. (Ich bin noch nicht durchgestiegen, wessen Kind das eigentlich ist.)

Ja. Das sind meine Tipps. Mir ist gerade mal aufgefallen, dass sie nur darin bestehen, wer letztendlich wen heiratet, aber darum geht es hier ja schließlich auch, richtig? Selbstverständlich dürft ihr mir nicht verraten, ob meine Vorhersagen richtig sind!

Ich lese dann mal weiter und warte gespannt auf den Charakterwechsel. Übrigens, nur dass wir uns nicht falsch verstehen: Ich finde, Emma ist ein großartiger Charakter! Ich liebe Jane Austens Ironie, ihren trockenen Humor und all die unfreiwillig komischen Momente, die Emma mit ihrer totalen Ahnungslosigkeit heraufbeschwört. Ich liebe Jane Austen und bewundere ihr Talent und sehe sie als großes Vorbild.

Das ändert aber nichts daran, dass Emma nervt wie verrückt.

PS: Heute ist der letzte Tag um euch für die "Bücher, die man gelesen haben muss"-Challenge anzumelden! Weitere Infos findet ihr unter dem Challenge Reiter. Und mein Computer ist immer noch kaputt, also seid mir nicht böse, wenn ich euch nicht gleich verlinke, ich sehe euch auf jeden Fall und freu mich total, dass schon so viele mitmachen!

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