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Montag, 21. Oktober 2013

"am Grab stand eine Frau in weiß..." etwas Mystery aus dem 19. Jahrhundert gefällig?

"When a sensible woman has a serious question put to her, and evades it by a flippant asnwer, it is a sure sign, in ninety-nine cases out of a hundred, that she has something to conceal."

Ich hatte schon Angst, dass ich dieses Jahr meine eigene Challenge verliere, weil ich im frühen Oktober mit gerade einmal acht von 12 zu lesenden Büchern punkten konnte. Und nachdem mich die letzten beiden Bücher die ich für die Challenge gelesen hatte (Alice im Wunderland und The magic Faraway Tree) so garnicht begeistern konnten, war ich etwas vorsichtig im Bezug auf die "Best-loved Novels". Stattdessen wäre ich um ein Haar zum wiederholten Male meiner Schnulzenschwäche erlegen.

Glücklicherweise fügte es sich, dass ich auf einer ewig langen Zugfahrt nur "Gut gegen Nordwind" eingepackt hatte, welches man ja nun wirklich mal eben innerhalb von 2 Stündchen so weglesen kann. Und da ich nun kein Buch aber noch einige Stunden Zug vor mir hatte, riskierte ich einen Blick in meine Kindle App, die zufällig, ganz passend zur Mila'schen Schmonzetten-Stimmung, auch mit "The woman in white" (1860) bestückt war. (Im Amazon Shop lassen sich viele der Bücher auf der Liste kostenlos herunterladen, wusstet ihr das?). Und mit dieser ziemlich typisch englischen Mystery-Geschichte hab ich jetzt auch endlich mal wieder einen Treffer gelandet.

Zur Story:

Der Kunstlehrer Walter Hartright bekommt den Auftrag, auf dem Landanwesen Limmeridge House die beiden Halbschwestern Marian und Laura zu unterrichten. Auf seinem Weg dorthin hat er allerdings eine seltsame Begegnung mit einer vollkommen in weiß gekleideten jungen Frau, die scheinbar aus dem Nichts auf der Landstraße auftaucht. Die offensichtlich verängstigte Frau fasst Vertrauen zu ihm, als sie sein Reiseziel erfährt - scheinbar hat sie in Limmeridge House einen Teil ihrer Kindheit verbracht und liebevolle Erinnerungen an die Familie dort. Kurz bevor sie ihn verlässt, fragt sie ihn nach seiner Bekanntheit mit einem gewissen Lord Percival Glyde, den sie offensichtlich gleichzeitig hasst und fürchtet, von dem er aber noch nie etwas gehört hat. Kurz nach dieser Begegnung erfährt Hartright, dass seine weiß gekleidete Zufallsbekanntschaft einige Zeit zuvor aus einer Irrenanstalt ausgebrochen und seitdem auf der Flucht ist.

Am Ziel seiner Reise angekommen, dauert es nicht lange und Hartright verliebt sich unsterblich in Laura, die jüngere der beiden Schwestern. Da in diesem Fall nicht  nur der große Standesunterschied der beiden ein Problem ist, sondern Laura auch seit Jahren schon einem anderen Mann versprochen ist, wird der Zeichenlehrer aus dem Haus gewiesen. Kurz vor seiner Abreise erfährt er jedoch den Namen des Verlobten seiner Angebeteten: Laura wird Sir Percival Glyde heiraten, den Mann vor dem die "Frau in weiß" so panische Angst hatte. Und nicht nur das - je mehr Walter darüber nachdenkt, desto klarer wird ihm außerdem, dass seine nächtliche Zufallsbekanntschaft und seine angebetete Laura sich verblüffend ähnlich sehen...

Meine Meinung:

Ich würde sagen, wer "Rebecca" mochte, der wird auch Spaß an "The Woman in white" haben. Mit seinen Romantik-, Mystery- und Krimi-Elementen ist Wilkie Collins Roman eine runde Mischung und lässt sich, trotz seiner knapp 600 Seiten flüssig lesen. Während in der ersten Hälfte des Buches die Spannung wirklich auch konstant auf einem sehr hohen Niveau ist, gibt es im hinteren Teil allerdings meiner Meinung nach einige Längen. Außerdem hatte ich so meine Probleme nachzuvollziehen, warum Walther Hartright sich denn da nun so unsterblich in Laura verliebt hat, die neben ihrer immer wieder erwähnten "milden Natur" dem Leser nicht wirklich viel zu bieten hat. Allerdings sind wir hier ja erstens im viktorianischen Zeitalter unterwegs, wo Frauen sich gefälligst sowieso im Hintergrund zu halten haben und außerdem bildet die Liebesgeschichte zwischen den beiden auch eher den Rahmen für die Story, in der Walters detektivische Ermittlungen noch überraschend tiefschürfende Erkenntnisse bringen werden.

Die Story lebt von ihren faszinierenden Nebencharakteren: Auftritt Marian und Count Fosco

Die Geschichte ist wirklich gut gestrickt, denn entgegen meiner Erwartung hat mich die Auflösung am Ende nicht enttäuscht (ich war mir zur Mitte des Buches hin ziemlich sicher, dass ich die ganze Story schon erraten habe und war schon mal vorsorglich enttäuscht von meiner angenommenen Einfachheit des Ausgangs. Ich hatte mich dann aber doch getäuscht und es kamen noch ein paar nette Wendungen und Plot Twists). Was das Buch jedoch für mich so fesselnd macht, ist weder sein Verlauf, noch sind es die vordergründigen Hauptfiguren, denn weder Walther noch Laura, noch Lauras undurchsichtiger Verlobter sind besonders komplex. Stattdessen haben mich die Nebenfiguren, nämlich Lauras Schwester Marian und der etwas später in der Geschichte auftauchende Count Fosco schwer fasziniert. Und natürlich die "Woman in White", aber über die verliere ich lieber nicht zu viele Worte, es soll ja schön mysteriös bleiben.

Mit Count Fosco hat Wilkie Collins einen Charakter geschaffen, den der Leser nicht mehr so schnell aus dem Kopf kriegt. Höflich, liebenswürdig und allem Anschein nach die gefährlichste Person im Buch - wenn Count Fosco erscheint, dann sind sogar die unberechenbarsten, wutschäumenden Hunde nichts als zahme Haustiere. Dieser Charakter ist so vielschichtig, dass auch nach der letzten Seite bei weitem nicht alle Geheimnisse um ihn geklärt sind. Marian dagegen ist eine ganz andere Geschichte, auf ihre Art aber nicht weniger erinnerungswürdig.

"The lady is dark. The lady is young. The lady is UGLY!"

Mit dieser (gekürzten) Einleitung wird uns Lauras Schwester charmanterweise von Walter Hartright vorgestellt. Marian, bei all ihrer Offenheit, ihrer Herzlichkeit und Intelligenz, fehlt es in ihrer Ausstrahlung an der "Geschmeidigkeit und Sanftmut" ohne die "the beauty of the handsomest woman alive is beauty incomplete." Diese Zeilen sagen ja schon eine Menge über das Frauenbild zur damaligen Zeit aus und im Laufe des Buches wird dieses Frauenbild auch immer wieder von Marian selbst unterstützt. Zwar ist sie der pfiffigste Charakter von allen, relativiert das aber immer wieder, indem sie Sätze sagt, in denen "Ich bin ja nur eine Frau" vorkommt. 
"You see I don't think much of my own sex, Mr. Hartright. No woman does think much of her own sex, although few of them confess it as freely as I do."
Das ist schon ein ziemlich krasses Statement dafür, dass das Buch von einem Mann geschrieben wurde, der ihr diese Sätze in den Mund legt. Alles in allem wäre es dem Charakter nach für mich wesentlich nachvollziehbarer, wenn sich Walter Hartright in Marian statt in ihre liebliche aber für den Handlungsverlauf eher nutzlose Schwester Laura verliebt hätte. Da Marian aber nicht nur mittellos, sondern ausdrücklich auch vom Hals aufwärts grottenhässlich ist - ihr Körper ist der Beschreibung nach wohl ziemlich bombastisch, aber das wiegt ihren "Schnurrbart" ("the dark down on her upper lip was almost a moustache") wohl nur unzureichend wieder auf - wird automatisch davon ausgegangen, dass sie für den Rest ihres Lebens eine alte Jungfer bleiben wird. Das Marian selbst mit diesem Leben aber vollkommen zufrieden sein soll und das einzige was im Leben zählt für sie das Wohl ihrer hübschen Schwester ist, die sie ja so heiß und innig liebt - das nehme ich dem Autor nicht so ganz ab. Ist aber auch Wurscht, das Buch bietet genug Geheimnisse und Verstrickungen, subtilen Grusel und Stress-Momente um auch den heutigen Leser bei Laune zu halten. 

Fazit:

Runde Geschichte aus der viktorianischen Epoche, die auch jetzt noch begeistern kann. Ein überzeugnender Plot mit einigen psychologisch auffälligen Charakteren, die in Erinnerung bleiben und gut gestrickten Wendungen. Dunkle und dichte Atmosphäre und Geheimnisse, die sich auch nach dem Lesen nicht ganz auflösen - so wie sich das für eine Mystery Geschichte gehört! Zur zweiten Hälfte wird es ab und zu etwas langatmig, vor allem die Stelle in der Lauras unsäglicher Onkel seinen Teil zur Erzählung beiträgt, die hätte ich vor lauter Ungeduld fast übersprungen und es reicht wirklich, sie zu überfliegen. Ansonsten aber defintiv empfehlenswert. Genau das richtige für einen stürmischen Herbstabend im Kerzenlicht. 


Ps: Das Buch wurde 1948 verfilmt, wobei der Regisseur wohl nicht nur das Ende geändert, sondern laut dieser ziemlich guten Filmbesprechung den Fakt, dass Marian hässlich sein soll, auch als unwichtig abgetan und einfach ignoriert hat. Gut zu wissen, denn ich hatte mich beim Bilder googlen doch auch schon sehr gewundert, Alexis Smith in der Rolle zu finden. 

The woman in white, 1948, Verfilmung mit Alexis Smith


Freitag, 6. April 2012

[Abgebrochen] 21.) Tess von den D´Urbervilles - Eine reine Frau (1891) oder "Depression auf Raten"

Tess of the DÚrbervilles
von Thomas Hardy (1891) (Quelle)
Nr. 26 auf der BBC-Liste der 100 beliebtesten Bücher aller Zeiten. 
Bwww. Nein. Ich kann nicht weiter. Ich habs mir echt nicht leicht gemacht und das Lesezeichen nun wirklich 3 Monate im Buch gelassen. Aber dann bin ich über diese Abbruch-Rezi von Ayanea gestolpert in der sie schreibt: " aber wozu das Ganze? Wem bringt das was?" Und recht hat sie! Ich breche das Buch nicht ab, weil ich den Schreibstil nicht mag, denn ich mag ihn sogar sehr. Thomas Hardy schreibt bildlich und poetisch und für seine Zeit sehr sinnlich. Ich breche das Buch auch nicht ab, weil ich die Zeit oder Umgebung in der es spielt nicht mag; English Countryside im 19. Jahrhundert ist eine meiner großen Lieben. Noch dazu von Hardy so wunderschön beschrieben, dass man jede Blüte, das frisch geerntete Heu und den Staub der Straße riechen kann. Kostprobe?
"Here in the valley, the world seems to be constructed upon a smaller and more delicate scale; the fields are mere paddocks, so reduced that from this height their hedgerows appear a network of dark green threads overspreading the paler green of the grass"
Ich breche auch nicht ab, weil mir die Hauptfigur unsympathisch ist, im Gegenteil. Tess Durbeyfield ist ein sympathisches, fröhliches, hübsches junges Mädchen, die trotz eines Trinkervaters und einer nicht besonders hellen Mutter immer ihre gute Laune behält und sich um ihre Geschwister kümmert. Eine ganz besonders tugendhafte Person also. Muss sie auch sein für den Fortgang der Geschichte. Und hier kommen wir zum Abbruchgrund.

BBC Verfilmung 2008. Tess noch unschuldig. (via)
"Tess of the D´Urbervilles - A pure Woman", eine "reine Frau", heißt das Buch im Original. Das hier ist keine Romanze, kein Unterhaltungsroman. Hardy benutzt seinen Charakter um knallharte Gesellschaftskritik an der viktorianischen Doppelmoral zu üben. So erschafft Hardy also dieses frische, liebenswerte Mädel - und lässt es schnurgerade ins Verderben rennen. Immer und immer und immer wieder. Was schon bei Erscheinen des Buches für verärgerte Kritiker sorgte: "Das Buch ist unmoralisch und pessimistisch!" ist heute leider noch immer verdammt pessimistisch. 

Zur Story: Das Elend bis Seite 100.
Nach einem Drittel des Buches musste das arme Mädel schon folgende Geschichte erleiden: Ausgestattet mit sehr armen Eltern, die es sich aber trotzdem nicht verkneifen können ab und an mal im Wirtshaus zu versacken, fungiert Tess als Erzieherin ihrer jüngeren Geschwister, hilft wo sie nur kann und ist zufrieden und glücklich mit ihrem Leben und beliebt bei allen, die sie kennen. Eines Abends erfährt der Vater, dass die Familie von einem alten Adelsgeschlecht, den D´Urbervilles abstammt. Es gibt im Dorf nur noch eine Familie mit diesem Namen. Nichtahnend, dass diese den Titel nur gekauft haben und eigentlich in keiner Weise mit ihnen verwandt sind, versuchen die Eltern Tess davon zu überzeugen mal da vorbeizugehen, so nach dem Motto: "Hallo, Erbe?" und einen hübschen Sohn hätten die ja auch, da könnte sich ja was ergeben. Das ist Tess verständlicherweise zu blöd. Leider (here we go) baut Tess kurz danach mit der Kutsche ihres Vaters einen Unfall und das Pferd stirbt. Damit ihre Familie nun nicht zugrunde geht sieht sich Tess gezwungen, nun doch bei ihren "Verwandten" vorbeizuschauen. Der Sohn der Familie ist zwar völlig im Klaren darüber, dass Tess ganz bestimmt nicht seine Verwandte ist, schaltet aber schnell und bietet der "Cousine" einen Job auf dem Hof an. Aufgrund der blumigen Sprache, die der Verfassungszeit geschuldet ist und nur Andeutungen zulässt, habe ich nicht ganz nachvollziehen können ob er sie schließlich verführt oder vergewaltigt. Wikipedia sagt vergewaltigt, anscheinend werden in einer späteren Szene noch Tess Schreie erwähnt. Jedenfalls ist Tess danach nicht mehr Jungfrau und er lässt sie sitzen.
Und das Unglück beginnt. Denn Tess wird natürlich vom ersten mal schwanger und kehrt "in Schande" in ihr Dorf zurück. Nachdem ihr Kind geboren ist, geht sie kaum noch aus dem Haus. Natürlich reicht es nicht, dass sie nun Thema Nummer eins des Dorfklatsches ist - denn nun stirbt auch noch ihr geliebtes Baby.


BBC Verfilmung 2008. In Schande.  (via)
Bis zur Hochzeit oder peng.
Und ganz ehrlich? Da hat es mir gereicht! Ich lebe schließlich nicht in der viktorianischen Zeit und mir ist es voll wumpe ob die Leute bis zur Hochzeit warten oder peng. Das das damals eine Katastrophe war und (selbst wenn es eine Vergewaltigung war) das Leben des Mädchens für immer zerstört, ist mit Sicherheit ein Grund für Kritik. Ich gebe Hardy da ganz Recht und finde, es geschah den damaligen Lesern ganz Recht einen geliebten Charakter dabei verfolgen zu müssen, wie ihm ein Unglück nach dem anderen geschieht. Wenn sie das traurig macht, sollen sie halt ihre Moralvorstellungen ändern. Aber ich doch nicht. Ich verurteile doch gar keinen! Quäl mich doch nicht so, Mensch! Das macht einfach keinen Spaß, wenn der Hauptcharakter keine andere Funktion hat als Pest und Schwefel auf ihr Haupt zu ergießen zu lassen. Und dann habe ich etwas getan, was ich nie machen würde, wenn ich mir nicht absolut sicher bin, dass ich abbreche: Ich hab bei Wikipedia das Ende der Geschichte in der Zusammenfassung gelesen. Ob ich nun abbreche weil ich den Rest der Geschichte schon kenne oder weil es nicht besser wird, verrate ich nicht. Könnt ihr gerne selber lesen. Viel Spaß.


Fazit
Mit Poesie und Sarkasmus geschriebene, trotzdem schrecklich deprimierende Gesellschaftskritik an der viktorianischen Doppelmoral, in der die eigentlich unschuldige Heldin immer und immer wieder für ihre "Sünden" büßen muss. 

Ps: Ich habe mir ein paar Ausschnitte der BBC Verfilmung angesehen, der Film scheint sehr gut zu sein. Ich verlinke hier aber keinen der (Fanmade) Trailer, sie scheinen ausnahmslos schrecklich zu spoilern. Will euch ja  nicht den Spaß (!) verderben.

* Bei den Abbildungen handelt es sich nicht um mein Eigentum.

Sonntag, 29. Januar 2012

Pakt mit dem Bösen: Das Bildnis des Dorian Gray von Oskar Wilde

"Good resolutions are useless attempts to interfere with scientific laws. Their origin is pure vanity. Their result is absolutely nil. They give us, now and then, some of those luxurious sterile emotions that have a certain charm for the weak.... They are simply cheques that men draw on a bank where they have no account."
Dies ist mein zweiter Beitrag zu Neyashas Themen-Challenge zu "Liebe, Tod und Ehre" und zwar zum Thema "Pakt mit dem Bösen".

Zur Story:
Zwei Männer lernen sich bei einem gemeinsamen Freund kennen. Dorian Gray ist ein charmanter, reicher, makellos schöner und etwas weltfremder junger Mann der Oberklasse Großbritanniens. Lord Henry dagegen ist ein zynischer Dandy, der mit beißender Intelligenz die Moralvorstellungen seiner Zeit in Frage stellt und schnell bemerkt, wie leicht er Dorian manipulieren kann. Während Dorian für ein Bild Model steht, freunden die beiden sich an. Auf einen Kommentar von Lord Henry hin wird Dorian sich über seine Schönheit bewusst und gleichzeitig über deren Vergänglichkeit. Er beginnt eifersüchtig auf sein Bild zu sein und schwört, seine Seele dafür zu geben, wenn nur das Bild an seiner Stelle altern könne. Dass dieser Wunsch erfüllt wurde, bemerkt Dorian zum ersten Mal nach der denkwürdigen Trennung von seiner ersten Liebe. Die Heirat mit der jungen Schauspielerin war eigentlich schon beschlossene Sache, doch als Dorian bemerkt, dass hinter den bewunderten verkörperten Rollen nur ein talentiertes junges Mädchen steckt, verlässt er sie. Am Abend bemerkt er zum ersten mal einen grausamen Zug um den Mund seines Portraits. Das Mädchen bringt sich noch am gleichen Abend um. Dorian bereut kurz, doch beginnt schon bald Lord Henrys Meinung zu teilen, dass der Selbstmord eigentlich etwas Gutes war, da er im Gegensatz zu trivialer Liebe die "schreckliche Schönheit einer griechischen Tragödie besitzt".  Im Laufe der nächsten Jahre werden die beiden Freunde zum skandalträchtigen Mittelpunkt der Oberklasse und Dorian lebt seine Fantasien und Wünsche um jeden Preis aus, gleichgültig wen er dabei ruiniert, verletzt oder gar tötet. Niemand der ihn sieht, erkennt etwas schlechtes an Dorian, denn seine Grausamkeit und Verdorbenheit spiegelt sich nur in seinem Portrait wieder, dass er vor der Welt versteckt hält.

Meine Meinung:
Ziemlich viel Interpretationsmaterial für so ein schmales kleines Büchlein. Ehrlich gesagt hab ich keine Ahnung, wo ich anfangen soll. Ein kurzer Blick auf Wikipedia genügt um zu zeigen, dass es wahrscheinlich ungefähr ein halbes Schuljahr braucht um alle zentralen Motive dieses Romans zu besprechen: Narzismus, Hedonismus, Dandyismus, Orientalismus, Ästhetizismus, Moralismus, Symbolismus... eine ganze Menge -ismen, die mir trotz Deutsch- und Englisch-Leistungskurs gerade ein bisschen über den Kopf wachsen. Deshalb erst einmal ein Fakt zu Roman und Autor: Die Erstfassung ist 1890 erschienen und bekannterweise war das nicht gerade die einfachste Zeit um Gesellschaftskritik zu üben. Mit seitenweise Ausschweifungen ist es wohl keine große Überraschung, dass Dorian Gray im viktorianischen England als "anrüchig" galt. Der Roman spielte dann auch eine bedeutende Rolle in dem Prozess, bei dem der homosexuelle Oskar Wilde schließlich wegen "Unzucht" zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde (an dessen Folgen er wenig später starb).

Seltsamerweise hat der Roman bei Amazon fast 300 Seiten, auf meinem Kindle aber nur 200, die ich in einer Nacht durchgelesen habe. Die Geschichte geht nach einem behutsamen Anfang ziemlich rasant auf ein relativ plötzliches Ende zu. Zurück bleibt ein Gefühl der Taubheit; es gibt keine Helden. Weder Dorian Gray noch Lord Henry bieten eine Identifikationsbasis. Schon der junge Dorian Gray, obwohl allseits beliebt, ist kein bemerkenswerter Charakter und irgendwie auch nicht so richtig helle. Außerdem ist er, wie Lord Henry ja fix merkt, leicht beeinflussbar. Ein bisschen zu leicht für meinen Geschmack. Die Leichtigkeit mit der Dorian auf die dahingesagten Gedanken anspringt, kommt etwas zu naiv daher, selbst für einen abgeschirmten Jungen. Am Ende ist der erwachsene Dorian so verdorben, dass er alle in den Abgrund stürzt, die sich ihm nähern. Im Gegensatz dazu war ich mir bei Lord Henry  lange nicht sicher ob er denn nun wirklich böse ist, oder die Auswirkungen seines Zynismus nicht richtig einschätzen kann. Am Ende ist der Charakter des Lord Henry aber das eigentlich bemerkenswerte an diesem Buch, denn er weiß genau was vorgeht und genießt die Dramatik die sich um Dorian herum verbreitet. Teilnahmslos verfolgt er dessen Schicksal und die seiner "Opfer", die nicht an die Schlechtigkeit Dorians glauben können, weil er doch so schön ist.


Zwei Sachen sind mir ein bisschen suspekt an der ganzen Geschichte: 

  • Erstens kommt es mir komisch vor, dass ein Mann der zwischendurch immer mal wieder Spuren von Gewissen zeigt, sich doch fast durchgehend völlig gewissenlos verhalten kann. Kann man sein Gewissen einfach ständig überhören? Beziehungsweise, wenn das möglich ist: Warum sollte es sich dann überhaupt noch melden?
  • Zweitens: Ein Junge/Mann der so charakterschwach ist, dass ein paar dahingesagte Sprüche eines Freundes sein ganzes Leben verändern und steuern, wird zum Mittelpunkt und Schicksal eines ganzen Gesellschaftskreises. Warum? Kann Schönheit wirklich so viel ausmachen, wenn ihr der Charakter fehlt?

Fazit:
Eine faszinierende Geschichte ohne Helden mit wertvollen gesellschaftskritischen Elementen, die zum Nachdenken anregen... Aber irgendwie hatte ich mehr erwartet.

Ps: Zum ersten mal hab ich hier kein Buchcover abgebildet, sondern ein Bild aus der Verfilmung. Die Buchcover sind einfach durchgehend völlig unpassend oder sehen aus wie aus einem Horrorfilm. Was auch immer Dorian Gray verbrochen hat: Er wird auf seinem Bild bestimmt nicht zum bluttriefenden Skelett.

* die Abbildung ist nicht mein Eigentum

Freitag, 26. August 2011

9.) Listen-Nr. 12: Sturmhöhe von Emily Brontë, 1847

“And I pray one prayer
–I repeat it till my tongue stiffens–
Catherine Earnshaw, may you not rest as long as I am living; 

you said I killed you
–haunt me, then! 
The murdered DO haunt their murderers, I believe. I know that ghosts HAVE wandered on earth. 

Be with me always
–take any form–
drive me mad! 

Only DO not leave me in this abyss, where I cannot find you! Oh, God! it is unutterable! I CANNOT live without my life! I CANNOT live without my soul!"

Zur Story:
Wuthering Heights, zu deutsch "Sturmhöhe", ist ein Anwesen tief im Herzen der Moore Englands. Die Menschen hier sind abgehärtet und zäh, die rauhe Landschaft und das harte Wetter können ihnen nichts anhaben. Zwei Geschwister wachsen auf dem Anwesen auf, Catherine Earnshaw, Cathy genannt, und ihr älterer Bruder. Als Cathy sechs Jahre alt ist, bringt ihr Vater ein Findelkind mit nach Hause. Dieser kleine Junge mit dem Namen Heathcliff wird von da an vom alten Earnshaw ständig bevorzugt, was Cathys Bruder dazu bringt, ihn abgrundtief zu hassen und zu schickanieren. Cathy leidet darunter, denn sie und Heathcliff werden die allerbesten Freunde. Als die Jahre vergehen, wächst Cathy zu einer atemberaubend schönen, jedoch furchtbar egoistischen jungen Frau heran. Heathcliff, dem nach dem Tod des Vaters niemand mehr Aufmerksamkeit, geschweige denn Bildung, zuteil werden lassen hat, verwahrlost immer mehr und wird zu einem finsteren, übellaunigen Eigenbrötler. Seine ganze Liebe gehört Cathy, denn die beiden sind weiterhin unzertrennlich. 

Die Geschichte spitzt sich zu, als Cathy den Heiratsantrag des jungen, reichen und dabei herzensguten Edgar Linton annimmt, obwohl sie ganz genau weiß, dass sie ihn nicht liebt. "I have no more business to marry  Edgar Linton, than I have to be in heaven; and if the wicked man in there had not brought Heathcliff so low, I shouldn´t have thought of it. It would degrade me, to marry Heathcliff now, so he shall never know how i love him: and that, not because he´s handsome, Nelly, but because he´s more myself than I am. Whatever our souls are made of, his and mine are the same: and Linton is as different as a moonbeam from lightning, or frost from fire." Heathcliff, der diese Sätze zufällig mit angehört hat, läuft davon. Drei Jahre lang bleibt er verschwunden und in dieser Zeit heiraten Cathy und Edgar Linton und führen eine einigermaßen glückliche Ehe, die vor allem davon getragen wird, dass Edgar seine launische, selbstzerstörerische Frau vergöttert und ihr jeden Wunsch von den Augen abliest. Doch dann steht auf einmal Heathcliff wieder vor der Tür, und er ist nicht mehr der verwahrloste kleine Junge, sondern ein gepflegter Gentleman, der es zu Geld gebracht hat. Und er sinnt auf Rache.

Meine Meinung:
Wieder habe ich hier ein Buch der Schwestern Brontë. Diesmal schreibt Emily Brontë und es wird ihr einziges Buch bleiben, denn ein Jahr nach seiner Veröffentlichung stirbt die Autorin an Tuberkulose.Angeblich weigerte sie sich bis zuletzt, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen oder sich ins Bett zu legen, weil sie "der Natur ihren Lauf" lassen wollte. Ein tragischer Verlust, denn damit hat sie die Welt um weitere Geschichten wie diese gebracht! Vor ein paar Tagen habe ich ich Wuthering Heights zu Ende gelesen. Ich konnte mich bis jetzt noch nicht überwinden, eine Rezension zu schreiben, ganz einfach weil mir die Worte fehlen. Dieses Buch ist eine Naturgewalt, es überrollt den Leser mit seiner Leidenschaft, seiner Grausamkeit, seiner Schönheit. Seit ich die Geschichte aus der Hand gelegt habe, konnte ich sie kaum einen Moment aus meinen Gedanken verbannen. Die Charaktere verfolgen den Leser weit über das Ende hinaus.

Emily Brontës erstes Werk hat im viktorianischen England des 19. Jahrhunderts eine ganze Flut von Kritikern hinter den Öfen hervor gelockt. Als dann noch bekannt wurde, dass das Buch von einer Frau geschrieben worden war (Wie ihre Schwester hatte auch Emily Brontë zuerst unter einem männlichen Pseudonym veröffentlicht), kannte die Entrüstung keine Grenzen mehr. Wie konnte eine Frau derart wilde Charaktere erschaffen? Zum ersten mal in dieser Zeit wurde ein so offensichtlich bösartiger Charakter wie Heathcliff zum Held eines Buches. Doch auch heute noch ist das verwirrend. Normalerweise gibt es in einer Geschichte ganz klar abgegrenzt das Gute und das Böse, das Helle und das Dunkle. Der Leser weiß genau, auf welcher Seite er zu stehen hat. Und normalerweise sind die "Guten" diejenigen, die die Liebe auf ihrer Seite haben.Wie aber ist es hier? Alle Figuren zeigen irgendeine Art von Liebe, mit Sicherheit. Aber keinem Charakter wird von der Autorin eine derartige Präsenz zugebilligt wie der zerstörerischen Strahlkraft Catherines, der vergeltungsgetriebenen Leidenschaft Heathcliffs. Und aus seiner Leidenschaft speist sich das Buch,sie gibt ihm seine Kraft. Die weniger leidenschaftlichen, dafür nach menschlichen Maßstäben "guten" Charaktere werden von Catherine und Heathcliff ins Abseits gedrängt, sie sind austauschbar, kaum präsent.

Mein Fazit:
Ich habe Wuthering Heights atemlos verschlungen. Liebe war niemals so gefährlich, so zerstörerisch, wie hier. Wenn zwei derart egoistische Charaktere wie Heathcliff und Cathy aufeinandertreffen, dann wird ihre Liebe zu einer unberechenbaren dunklen Macht, die alles verbrennt, was mit ihr in Berührung kommt. Als das Buch beginnt, ist Cathy schon tot; in den Wahnsinn getrieben und dann zugrunde gerichtet durch ihre unmögliche Liebe. Heathcliff jedoch überlebt und seine verzweifelte Bösartigkeit ruiniert im Laufe des Buches mehrere Leben. Der Leser verfällt einem Sog, der alles mit in den Abgrund reißt. Und ganz nebenbei verfällt er auch der Schönheit der wilden, englischen Landschaft. Ein Klassiker. Ein Muss. Und eine Fragen aufwerfende Abhandlung über den Egoismus der Liebe.

Sonntag, 26. Juni 2011

1.) (Teil 2) Jane Eyre von Charlotte Brontë, 1847

Meine liebe Jane, du hast mich jetzt echt fertig gemacht. Ich hab die letzten Stunden vor dem Ende damit verbracht, um deine Zukunft zu bangen. Hab immer wieder innerlich geschrien: "Jane, mach keinen Scheiß jetzt!". Und hat es was gebracht? 

Kann ich natürlich nicht sagen jetzt. Ich kann ja schließlich nicht die Geschichte verraten! 

Jane Eyre ist eine Frau des 19. Jahrhunderts. Googelnd komme ich auf Begriffe wie "Emanzipation", "Stolz", "Stärke", die im Zusammenhang mit ihrem Charakter stehen. Aus der Perspektive unserer Zeit, in der ich nun vollkommen selbstverständlich mein Studium und meinen späteren Beruf nach meinen Interessen und Fähigkeiten wähle, ist es kaum zu glauben wie wenig Zeit vergangen ist, seit Frauen hiezu nicht einmal ansatzweise in der Lage waren. (Männer übrigens auch nicht, aber um die geht´s grad nicht.) Zwar wurde zwischen 1870 und 1894 in Europa das Frauenstudium eingeführt, Studentinnen blieben jedoch weiterhin eine Ausnahme. Und da unsere Jane ein paar Jährchen vorher gelebt hat, war ein Unistudium für sie nicht mal eine in Erwägung zu ziehende Möglichkeit, obwohl sie extreem intelligent ist. Sie geht zur Schule, wird Lehrerin und dann Gouvernante. Damit hat sie eine der einzigen Möglichkeiten einer englischen Frau benutzt, wenigstens etwas eigenes Geld zu verdienen. So weit so gut, wenn sie jetzt still geheiratet und 3 Kinder bekommen hätte, wäre das Buch nicht so in die englische Gesellschaft geknallt, wie es das damals getan hat.

Wir sprechen hier von 1847, in England schleicht sich so langsam die Industrialisierung an. Das Leben ist hart, die Menschen sind gläubig, die Ehe ist zum Kinderkriegen da. In den gehobenen Kreisen wird geheiratet, um den Status zu sichern. Die Mädchen reicher Eltern gehen zwar zur Schule, was sie dort lernen, gibt ihnen aber in erster Linie das Handwerkszeug um eine gute Hausfrau zu werden. Das Lebensziel ist es, eine gute Partie zu sichern. Liebe kommt dann später oder auch nicht. Eine gute Frau sollte zufrieden sein mit dem,was sie hat und sich nicht beklagen. Außerdem findet sie ihre Erfüllung ja sowieso im Kinderkriegen. Die idealen Eigenschaften einer Frau sind Aufopferungsbereitschaft, Reinheit und Stille. Leidenschaft gilt bei Frauen als unnatürlich, eher krankhaft. Jane hat´s schwer.

Unsere Heldin ist ein leidenschaftlicher Mensch, sie lebt nach ihren eigenen Regeln und ist für ihre Zeit extrem emanzipiert. Trotzdem geht sie mir manchmal tierisch auf den Keks. In eine emanzipierte Zeit geboren und mit einem Dickkopf ausgestattet, geht es mir einfach nicht in den selben, wie sich so ein pfiffiges Mädel ständig von Männern herumkommandieren lässt. Sie tut das vollkommen selbstverständlich und ordnet sich auch gerne unter. Nur einmal muckt sie wirklich auf: Da geht es nämlich gegen ihre Wertvorstellungen von einem christlichen Leben. Sie haut ab. Und während Jane sich und ihrem Liebsten jede Hoffnung auf eine glückliche Zukunft miteinander verbaut und damit in Kauf nimmt, für den Rest ihres Lebens kreuzunglücklich aber dafür nach ihren Idealen zu leben, kann ich in meinem behaglichen 2011 nur seufzend den Kopf schütteln. Man kanns auch echt übertreiben mit der Prinzipientreue.

Aber gut, sie hat das sehr straight durchgezogen, muss man ihr lassen. Und nachdem sie fast verhungert wäre, weil sie nämlich sowohl zu stolz ist, um Geschenke anzunehmen als auch um zu betteln, schafft sie es, von allerlei Zufällen und überraschenden Wendungen getragen tatsächlich, sich ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Meinen Respekt Frau Eyre. Was hätte sie aber ohne diese - meiner Meinung nach etwas arg konstruierten - Zufälle getan? Naja lassen wir das, es ist ja jedem klar, dass er hier eine erfundene Geschichte liest und keine Biografie. Grundsätzlich bin ich aber kein großer Fan von Zufällen in Büchern, vor allem nicht von solchen, ohne die die Geschichte sehr anders geändet hätte. Jane wäre dann nämlich sang und klanglos im Wald verhungert.

Grundsätzlich stimme finde ich die Geschichte schön und habe sie gerne gelesen. In meine persönlichen Top 100 wird sie es aber nicht schaffen. Trotz romantischer Dialoge und aufopferungsvoller Liebe zieht die Geschichte mich nicht so sehr in ihren Bann, dass ich meine Umwelt vergesse (Normalerweise passiert mir das permanent). Charlotte Brontë hat die Geschichte fairerweise aber auch nicht geschrieben, um verwöhnten deutschen Mädels im 21. Jahrhundert einen netten Leseabend zu bereiten. Jane Eyre ist ein Instrument zur Gesellschaftskritik. Und wie nötig diese Gesellschaft Kritik hatte, zeigt schon der Umstand, dass das Buch in der Erstversion unter dem Pseudonym "Currer Bell" erscheint, da es von einer weiblichen Autorin nicht ernst genommen worden wäre. So aber wurde es zu einem Erfolg. Und beschert uns noch heute eine leidenschaftliche Heldin, eine dramatische Liebe und einen spannenden Einblick in eine Zeit, in der selbst ein gebildetes, mitfühlendes Mädchen wie Jane Eyre es vollkommen selbstverständlich findet, sich ein Land unter den Nagel zu reißen, um es zu kolonialisieren. Denn auch wenn die Emanzipation der Frauen so langsam in England anklopfte; die Emanzipation anderer Rassen war auch für Charlotte Brontë noch sehr weit weg.  

Dienstag, 21. Juni 2011

1. (Teil 1) Jane Eyre von Charlotte Brontë, 1847

Mein Lieblingszitat:  
"And so you were waiting for your people when you sat on that stile?"

"For whom, sir?"

"For the men in green: it was a proper moonlight evening for them. Did I break through one of your rings, that you spread that damned ice on the causeway?"I shook my head. "The men in green all forsook England a hundred years ago," said I, speaking as seriously as he had done. (S. 124)


Ich fange an zu lesen und habe keinen blassen Schimmer was eigentlich passieren wird, da ich wie immer den Klappentext ignoriert habe. Vor allem klassische Literatur hat die nervige Angewohnheit, mir mit wenigen Sätzen auf dem Deckel das ganze Buch zu verraten. Ich weiß ja, dass ich hier Weltliteratur lese und es ist mir schon ein bisschen peinlich, dass ich von Jane Eyre nur den Namen kenne. Die Einleitung verrät mir zumindest schon mal etwas über Charlotte Brontë. Als eines von sechs Kindern wächst sie in einem strengen Elternhaus mit wenig Liebe auf. Als sie acht Jahre alt ist, wird sie zusammen mit drei ihrer Schwestern in ein Internat gesteckt, in dem die Konditionen so schlecht sind, dass zwei Ihrer Schwestern dort an Tuberkolose sterben. Charlotte und ihre Schwester Emily überleben aber und schaffen es knapp 150 Jahre später mit ihren Büchern immer noch zu den beliebtesten aller Zeiten zu gehören. Ich bin gespannt warum.

130 Seiten später bin ich vollkommen in das England des 19. Jahrhunderts eingetaucht. Meine Mittagspause auf der Arbeit habe ich zum ersten mal ganz unsozial mit einem Buch verbracht statt mit meinen Kollegen. Schließlich hat Jane gerade Mr. Rochester kennengelernt und der Name sagt selbst mir als vollkommen unerfahrener Brontë-Ignorantin.etwas. Zuallererst fällt mir auf, dass das Buch, obwohl 160 Jahre alt und auf Englisch, leicht verständlich und gut zu lesen ist. Nur mit den teilweise eingestreuten französischen Sätzen hapert es bei mir etwas. Ich wundere mich zuerst, dass es dazu nie eine Übersetzung oder Erklärung gibt, bis ich mich dunkel erinnere, das Französisch damals ja bei der Bildungsschicht noch "tres en vogue" war. Vorsichtshalber habe ich das aber nochmal gewikit. "Im 18. Jahrhundert übernahm das Französische als Sprache des Adels die Domäne der internationalen Beziehungen und der Diplomatie (zuvor: Latein). Durch die Französische Revolution und das Scheitern der napoleonischen Großmachtspolitik, die den Nationalismus und die Freiheitsbewegungen der unterworfenen Völker hervorbrachte, ging die Verwendung des Französischen stark zurück und wurde von Englisch verdrängt." Schau an.

Meine zweite Erkenntnis ist, dass es mir erstaunlich leicht fällt, mich mit der im Jahre 1847 lebenden Heldin zu identifizieren. Ich schätze Mädchen sind nun einmal Mädchen, egal in welcher Zeit. Jane Eyre, ein Waisenkind das in England bei einer reichen Pflegefamilie aufwächst, wird von ihrer Pflegemutter ignoriert und von deren Kindern misshandelt. Mit zehn Jahren wird sie von Ihnen in ein Waisenhaus gesteckt, in dessen Schule sie später als Lehrerin arbeitet. Aus der Einleitung weiß ich, dass das Buch teilweise autobiographisch ist und die Schule auf ihrem realen Vorbild beruht. Deshalb ist es noch viel erschreckender, was Jane Eyre im Rückblick in der Ich-Form beschreibt. Der Leiter der Waisenschule, ein total abgedrehter Kirchenprediger, der mit seiner "Wenn der Körper fastet, wird der Geist gelabt"-Mentalität die Kinder fast verhungern lässt, schneidet den Mädchen auch schon mal die Zöpfe ab, wenn sich die Haare zu sehr locken. "My mission is to mortify in these girls the lust of the flesh". Es ist eine Verwirrung, der schon tausende Männer vor und nach seiner Zeit in allen Teilen der Welt zum Opfer gefallen sind: Ihre eigenen dreckigen Gedanken auf Frauen zu projizieren und diese, als "logische Schlussfolgerung", zu unterdrücken. 

Jane lässt sich aber nicht unterdrücken und als sie mit 18 Jahren die Schule verlässt und bei Mr. Rochester (Oha! Die Handlung beginnt sich zu verdichten...) als Gouvernante für dessen Schützling anfängt, ist sie ein fantasievoller Querkopf mit einer großen Klappe. Ihre offene, ungeschminkte Art würde auch heute noch bestimmte Leute verschrecken und war mit Sicherheit damals vollkommen und komplett ungeeignet für eine wohlerzogene, junge Dame im 19. Jahrhundert. Ich könnte mir vorstellen dass es auch die Charaktereigenschaften ihrer Heldin sind, die Charlotte Brontë damals einige Kritiker eingebracht hat. Diese Herren adressiert sie denn auch im Vorwort. "Konvention ist nicht Moral. Selbstgerechtigkeit ist nicht Religion. (...) Männer verwechseln diese Dinge zu häufig. Sie sollten nicht verwechselt werden." Jane Eyre ist keine graue Maus, auch wenn ihr Aussehen so beschrieben wird. Sie liebt Bücher und Geschichten und aus vollkommen ordinären Situationen werden in ihren Gedanken Begegnungen mit Fabeltieren und Geistern. 

Als sie schließlich auf Mr. Rochester trifft, ist mein oben genanntes Lieblingszitat eine der ersten Unterhaltungen die sie führen. Abgesehen davon, dass er sich bis jetzt benommen hat wie ein arrogantes Arschloch, scheint der Gutsherr auf einem guten Weg. Wenn er sich mal dazu herablässt eine vernünftige Unterhaltung zu führen, taucht er mühelos in Janes Fantasiewelt ein. Der Dialog der beiden geht sofort und unangekündigt in eine Ebene, die niemand der anderen Bewohner mehr versteht. Sie reden vollkommen ernst den größten Quatsch miteinander, ohne es jemals aufzulösen. Außerdem scheint er einen Hang zum Romantiker zu haben, denn er beschreibt die von Jane gemalten Bilder mit einer derartigen Poesie, dass meine Englischkenntnisse schon leicht mit den Ohren schlackern.

Das ist übrigens auch einer meiner Wehmutspunkte: Die Figuren reden manchmal nicht so ganz ihrem Charakter entsprechend. Das Mr. Rochester ein tiefgreifender Nostalgiker zu sein scheint und manche Dinge eher so beschreibt wie eine Frau das tun würde, ist nun mal dem Plot geschuldet. (Zum jetzigen Zeitpunkt gehe ich stark davon aus, dass es auf eine Liebesgeschichte hinauslaufen wird. Falls am Ende Jane total abdreht und das ganze Gut im Schlaf umbringt, mag sich meine Sicht auf die Charaktere noch ein wenig ändern.) Aber das Janes 14-jährige Freundin Helen die Einsicht und Charakterstärke einer Mutter Theresa und das Ausdrucksvermögen einer Pastorin an den Tag legt, scheint mir doch etwas unwahrscheinlich. Bis jetzt gab es auch noch keine Szene bei der ich wirklich vollkommen ergriffen und mitgerissen war. Wenn man in Betracht zieht, dass ich mich normalerweise schon bei einer rührenden Bierreklame in Tränen auflöse, heißt das einiges. Ich bin aber sicher, dass dieser Verzicht auf tiefe Gefühle nicht aus einer literarischen Unfähigkeit entspringt, sondern gewollt ist und sich das später noch ändert. Evtl. liegt es auch an der Zeit, zu der das Buch geschrieben wurde. Ich bin nicht so oft im 19 Jahrhundert unterwegs und mir deswegen nicht ganz sicher. Wie auch immer, ich werde es wohl im zweiten Teil erfahren. Bis dahin muss meine Zustimmung oder Absage zur 100Bücher-Liste wohl noch warten.

Hier geht es zum zweiten Teil der Rezension.
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