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Sonntag, 1. Juli 2012

[Themen-Challenge: Schuld] Forbidden - Wenn Liebe Leben zerstört

Forbidden von Tabitha Suzuma, 2011.
Cover via Homepage der Autorin
"I don´t need to think about this anymore. What I do desperately need is sleep. Otherwise I´ll fall apart. I´m going to fall apart. I am falling apart."

Dies ist mein sechster Beitrag zu  Neyashas Themen-Challenge, diesmal zum Thema Schuld.

Oh Hölle, was für ein Buch.
Ich wusste schon, dass ich sowas nicht mitten in der Masterarbeits-Phase anfangen sollte, ich konnte einfach nicht mehr aufhören. Ich habe Freitag Abend angefangen zu lesen und konnte bis tief in die Nacht das Buch nicht weglegen. Und dann auch nur, weil mir die Augen zugefallen sind. Nachdem ich mich dann gestern den ganzen Tag nicht konzentrieren konnte weil ich immer nur die Geschichte im Kopf hatte, habe ich mich entschieden kurzen Prozess zu machen und hab es dann bis heute Morgen durchgelesen. Und jetzt, wo ich eigentlich wissenschaftliche Literatur lesen sollte, mache ich eine Ausnahme für diese Rezension, denn ich weiß dass ich das hier abschließen muss, bevor ich mich auf meine Arbeit konzentrieren kann.

Zur Story
Maya ist 16, ihr Bruder Lochan ist 17. Die beiden gehen noch zur Schule und kümmern sich nebenbei um ihre drei kleinen Geschwister, da ihre alkohol- und partysüchtige Mutter die Familie immer mehr komplett ignoriert und ihr Vater schon vor Jahren mit einer neuen Frau das Land verlassen hat. Um unter der großen Belastung nicht zusammenzubrechen, haben Maya und Lochan nur den jeweils anderen und sie können sich immer aufeinander verlassen. Sie haben, seitdem sie selbst kleine Kinder waren, eine fünfköpfige Familie zusammengehalten und mussten für ihre Geschwister Vater und Mutter ersetzen. Als sie irgendwann merken, dass sie mehr füreinander fühlen, als Geschwister es normalerweise tun und diesen Gefühlen nachgeben, droht die ganze Welt die die beiden so mühsam zusammengehalten haben zu zerbrechen.

Meine Meinung
Ich... puh. Schwierig. Fangen wir mit einem Fakt an. Ich arbeite mit Eselsohren. Ein Eselsohr für eine gute Textstelle im Buch. Eine, die mich mitgenommen hat, mich begeistert hat, was auch immer. Und ich habe noch NIE ein Buch so zerfleddert wie dieses. Ich würde  sagen, ich habe ungefähr jede zweite Seite markiert. Kein Satz ist hier überflüssig und jeder einzelne steckt so voller Leidenschaft, Verzweiflung, Hoffnung, Liebe, Zärtlichkeit oder nackter Panik, dass die Geschichte den Leser durch die Seiten jagt, ohne ihm die Gelegenheit zu geben, zwischendurch Luft zu holen. Und ich meine das wörtlich, ich habe an mehreren Stellen des Buches vergessen zu atmen.

Die Geschichte an sich hat einen ganz einfachen Plot, um den herum sich alles abspielt: Zwei Geschwister verlieben sich ineinander. Ich habe keine Ahnung, wie oft so etwas vorkommt. Und ich kann auch nicht ansatzweise nachfühlen, wie sich eine solche Liebe entwickeln könnte, ich habe nämlich keine Geschwister. Von daher fällt es mir wirklich schwer zu beurteilen, ob Maya und Lochan im Buch überhaupt jemals das Gefühl von Bruder und Schwester aufkommen lassen, mir kamen sie von der ersten Seite vor wie ein Liebespaar. Ein Liebespaar deren Geschichte so kraftvoll, so herzzerreißend leidenschaftlich erzählt ist, dass dem Leser eigentlich keine andere Möglichkeit gegeben wird als mit ihnen zu hoffen, dass ihre Liebe doch irgendwie möglich ist. Eine Liebe so rein und doch so voller Schuld, dass sie die beiden droht zu ersticken.  Vor allem Lochan, der seit seinem zwölften Lebensjahr die alleinige Verantwortung für seine ganze Familie trägt, spürt das. Er verliert buchstäblich seine Stimme, ist so schüchtern, dass er außerhalb seiner Familie keinen Ton herausbringt. Außer, wenn es darum geht, ihre Familiensituation vor dem Jugendamt zu verstecken. Wenn er darum kämpft seine Geschwister zusammenzuhalten, schafft er es den Erwachsenen Mann zu mimen, obwohl er innerlich von Panikattacken geschüttelt wird. Und die Kraft dafür bekommt er von der einzigen Person, die auf seiner Seite steht: Maya. Als Lochan zum allerersten Mal in ihren Armen zusammenbricht - er hat seitdem sein Vater sie verlassen hat nicht mehr geweint - war ich so mitgenommen, dass mir richtig übel geworden ist.

I try to dry my eyes on my shirtsleeve, but the tears keep coming and I can´t understand why I am so utterly powerless to stop them.
"Shh, come here-" Maya tries to pull me round to face her, I push her roughly away. She tries again. Frenziedly I fend her off with one arm.
"Don´t Maya, stop it for chrissakes - please! Please! I can´t - I can´t-!" The sobs burst out with each word. I can´t breathe. I´m terrified. I´m faling apart.
"Lochie calm down. I just want to hold you, that´s all. Just let me hold you." Her voice adopts the soothing tone she uses when Tiffin or Willa are upset. She´s not going to give up.
I scrape the fingernails of my hand against the wall, violent sobs running in shock waves through my body, tears soaking my sleeve. "Help", I find myself gasping. "I don´t understand what´s wrong with me!"

An diesem Punkt haben die beiden sich noch nicht eingestanden, was sie füreinander empfinden. Wenn sie es schließlich tun, gibt es auf  einmal in diesem ganzen verzweifelten, schwierigen Leben das die beiden führen, einen Lichtblick und den will man auch als Leser nicht aufgeben. Die beiden sind so gut füreinander und  tun dabei doch keinem weh, dass weder sie, noch der Leser verstehen können, was an dieser Liebe so falsch sein soll. Solange sie keine Kinder bekommen, geht es doch niemanden etwas an, was sie tun. Und doch können sie, sobald jemand etwas bemerkt, ins Gefängnis wandern. Denn Inzest ist in England (dort wo das Buch spielt) und auch in Deutschland (habs grad nachgeguckt) strafbar. Und was für die beiden noch viel schlimmer ist: Sie würden die Kinder verlieren. Zusätzlich haben die beiden jede Sekunde mit ihrem Schuldgefühl zu kämpfen dass sich nur aus den gesellschaftlichen Moralvorstellungen speist. Denn obwohl sich für Maya und Lochan alles so wie es ist genau richtig anfühlt, wissen sie doch, dass sie gesellschaftlich gesehen nicht normal sind. Und schließlich sind sie als Teil dieser Gesellschaft aufgewachsen. Ich hab irgendwann einen solchen Verfolgungswahn entwickelt - immer in der Angst, dass die beiden entdeckt werden - dass ich bei jeder Liebesszene schon mal eine Seite weiter geguckt habe, ob es positiv ausgeht (das mache ich sonst nie. Wirklich NIE!). Aber die Spannung wäre mir sonst einfach zu krass geworden, die Angst vor der Entdeckung hätte mich die ganze Szene lang atemlos gemacht.

Tabitha Suzuma greift mit diesem Roman mutig ein Tabuthema auf, mit dem sich normalerweise wahrscheinlich niemand beschäftigt, der nicht direkt betroffen ist. In Deutschland gibt es derzeit eine Diskussion ob das oben genannte Verbot rechtmäßig und zeitmäßig ist. Dieser Roman facht die Diskussion auf jeden Fall weiter an. Ich kann mir auf der Basis von erfunden Figuren da keine Meinung bilden, aber das Argument "es geht doch keinen außer den beiden was an, wenn beide es wollen" macht meiner Meinung nach grundsätzlich erstmal Sinn. 

Was ich auf jeden Fall sagen kann, ist das dieses Buch mit Sicherheit eines der besten des letzten Jahres ist. Es hält den Leser von der ersten Seite an so fest in seinen Klauen, dass die Auswegslosigkeit der Situation ihn in einen dunklen Tunnel manövriert, der auch mit der letzten Seite nicht endet. Was bleibt, ist Hilflosigkeit.

Sonntag, 4. März 2012

[Themen-Challenge: Kindheit] 18.) Der geheime Garten (1911)

The Secret Garden von Francis Hodgson
Burnett,  Einband der Originalsausgabe
von 1911 (Quelle)
"The animals tell me all their secrets."
"He wouldn´t tell you my secret, would he?"
"About what, Miss Mary?"
"A garden. I´ve stolen a garden. But it may already be dead, I don´t know."

Dies ist mein dritter Beitrag zu Neyashas Themen-Challenge zu "Liebe, Tod und Ehre" und zwar zum Thema "Kindheit". Ausserdem steht das Werk auf der 100Buecher-Liste der "Best-loved Novels of all time" der BBC und zwar auf Platz 51.

Hach ist das eine schöööne Geschichte. Mal wieder freu ich mir einen Keks über die Idee mit den 100 Büchern!

Zur Story
Die kleine Mary Lennox, von ihren reichen englischen Eltern völlig vernachlässigt, wächst in Indien hauptsächlich unter der Obhut einheimischer Nannys auf, die sie von Geburt an verziehen. Mary wird zu einem kleinen Biest, dass sich nicht nur als etwas besseres fühlt, sondern alle um sie herum auch dementsprechend behandelt. Als eine Choleraepidemie ausbricht, sterben alle Bewohner des Hauses, Marys Eltern und ihr Kindermädchen inbegriffen. Weil das Kind in Indien nun keine Verwandtschaft mehr hat, wird sie zu ihrem Onkel nach England geschickt, der nicht nur wenig Interesse an ihr zeigt, sondern ihr auch keinerlei Spielsachen besorgt hat. Gelangweilt vom Drinhocken und irritiert davon, dass das kesse junge Dienstmädchen Martha so gar nicht nach ihrer Pfeife tanzt, bleibt Mary nur, draußen im Freien zu spielen. Die frische Luft und Bewegung verändern das kränkliche, freudlose Kind und bald findet es sogar einen Freund; Marthas Bruder Dickon, der jeden Winkel der umliegenden Natur kennt und mit Tieren sprechen kann. Als Mary hinter einem versteckten und zugewucherten Tor einen geheimen Garten entdeckt, den ihr Onkel nach dem Tod seiner geliebten Frau abgesperrt und verwildern lassen hat, machen sie und Dickon sich mit Feuereifer daran, den Garten heimlich wieder auf Vordermann zu bringen. Doch es warten noch mehr Geheimnisse auf sie. Eines Nachmittags, als Mary wegen eines Regenschauers im Haus herumstromert, hört sie ein unterdrücktes Weinen. Dem Geräusch nachgehend, gerät sie in ein Kinderzimmer mit einem Bett, in dem ein deprimierter Junge liegt, der seit seiner Geburt durch eine Krankheit ans Bett gefesselt und schrecklich selbstsüchtig und tyrannisch ist. Er ist fest davon überzeugt, dass er bald sterben wird, denn schließlich hört er das jeden Tag, eigentlich seit er sich erinnern kann. Nur Mary ist sich da nicht so sicher...

Meine Meinung

"One of the strange things about living in the world is that it is only now and then one is sure one is going to live forever and ever and ever!" Noch Fragen? Das Buch ist einfach so schön, dass ich mich nach der letzten Seite gefühlt habe, ich hätte eine kleine Wärmflasche verschluckt.

Mary, zu Beginn ein tyrannisches kleines Ekelpaket, ist total überfordert, als sie in England ankommt und sich auf einmal niemand mehr etwas von ihr gefallen lässt. 
"Who is going to dress me?"
"Can´t you dress yourself?"
"Of course not, my Ayah dressed me."
"What did they do with you in India? Carry you around in a basket?"
"How dare you speak to me with such disrespect!"
Mit diesem Ton ist sie bei dem schnippischen Dienstmädchen Martha aber an der falschen Adresse und Mary ist total ratlos, wie sie mit jemandem umgehen soll, der sie nicht mit Unterwürfigkeit oder Desinteresse, sondern manchmal sogar mit Herzlichkeit behandelt. Mit anzusehen wie das kleine Mädchen nach und nach immer zutraulicher wird und sich schließlich mitunter sogar wie ein normales Kind benimmt, hat ein bisschen was von einem Sonnenaufgang. Die Charaktere der Geschichte sind durchweg liebenswert, auch wenn Collin eher der Typ Kind ist, das Erwachsene dazu bringt zu murmeln "Wenn das mein Sohn wäre, also dann würde hier...". Aber was will man denn schließlich von einem Kind erwarten, dass sein ganzes Leben lang nur erzählt bekommt, wie schwach und krank es ist und das es ein Wunder ist, dass es überhaupt noch lebt? Die einzige, von der Collin nicht mit Samthandschuhen angefasst wird, ist Mary, denn die ist viel zu egoistisch, um sich lange mit Collins Befindlichkeiten auseinanderzusetzen. So treffen also zwei kleine Dickköpfe aneinander und beide profitieren davon, dass ihnen endlich jemand ihre Grenzen aufzeigt.
"Will you stay with me Mary, please?"
"Well, since you said please. But if you scream once more, I´ll smother you with the pillow!"

"Where you tend a rose my lad, a thistle cannot grow."
Der große Zauber des Buches liegt in der kindlichen Freude, mit der Frances Hodgson Burnett ihre Charaktere erschaffen hat. Meine Lieblingscharaktere, Martha und ihr Bruder Dickon, sind beide frei heraus und herzlich, sprechen aber einen herrlichen Yorkshire Dialekt, mit dem Nicht-Muttersprachler wahrscheinlich zu Anfang ein bisschen überfordert sein werden. Gerade wegen dieses Dialekts lohnt es sich aber, das Buch in der Originalsprache zu lesen. Die Geschichte ist so geschrieben, dass sie es möglich macht, in die Gedankenwelt eines Kindes einzutauchen, ohne dabei in der Ich-Form geschrieben zu sein. Der Erzählstil ist, es gibt kein besseres Wort, zauberhaft! Poetisch, unkitschig, wunderschön. Der Leser freut sich über jede Knospe, die den Winter im geheimen Garten überstanden hat, über jeden Sonnenstrahl. Selbst wenn man das Buch, wie ich, an einem nieselkalten, trübgrauen Winterwochenende liest, bringt das Umblättern jeder Seite einen Hauch von Frühling mit sich. Ein zentrales Thema des Buches ist die Macht positiver Gedanken und umgekehrt die Zerstörungskraft negativer. Wer dieses Buch weglegt und keine positiven Gedanken hat, dem kann ich auch nicht weiterhelfen!

"I´m going to die."
"From what?"
"Everything."
"I hate the way you talk about dying."
"Everyone  thinks I´ll die."
"If everyone thought that about me, I wouldn´t do it!"

Fazit:
Macht gute Laune und regt zum Nachdenken an. Für alle, die sich noch daran erinnern, wie es war ein Kind zu sein: Lesen. Und für die, die es vergessen haben: Unbedingt lesen!



Samstag, 4. Februar 2012

Themen Challenge Rätsel: 17.) Artemis Fowl von Eoin Colfer

"Rumor has it Artemis Fowl is responsible for every major crime of the new century."


Dies ist mein dritter Beitrag zu Neyashas Themen-Challenge zu "Liebe, Tod und Ehre" und zwar zum Thema "Rätsel". Ausserdem steht das Werk auf der 100Buecher-Liste der "Best-loved Novels of all time" der BBC und zwar auf Platz 59.


Zur Story:
Artemis Fowl ist 12 Jahre alt, der jüngste Spross einer jahrhundertealten Ganovenfamilie und ein kriminelles Genie. Seit sein Vater verschollen ist und seine Mutter langsam abdreht, ist Artemis allein verantwortlich für die Wiederbeschaffung des verlorenen Familienvermögens. Und er hat vor, es von denen zu nehmen, die am meisten davon haben: dem Erdvolk. Das Erdvolk setzt sich aus allerlei nichtmenschlichen Wesen zusammen, die sich tief ins Erdinnere zurückgezogen haben, "weil Menschen einfach nicht mit anderen Spezies koexistieren können, nicht einmal mit sich selbst." Als es Artemis aber gelingt eine Elfe zu entführen und Lösegeld zu erpressen, ist ihm nicht klar, mit wem er es zu tun hat: Captain Holly Short, die erste weibliche Elfe die es geschafft hat, zum Captain der zentralen Untergrund Polizei (ZUP) befördert zu werden! Und Holly wäre nicht Holly, wenn sie nicht Mittel und Wege finden würde, Artemis Pläne zu durchkreuzen. Es entbrennt ein Krieg zwischen Artemis und dem Erdvolk, in dessen Verlauf sich sowohl Artemis als auch Holly, sowie eine ganze Menge Trolle, Zwerge und Elfen, in Lebensgefahr begeben.


Themen Challenge Rätsel:
Artemis konnte das Geheimnis des Elfengoldes nur entschlüsseln, weil er den Code geknackt hat, mit dem das Buch der Unterirdischen geschrieben ist. Für die Leser gibt es in jedem Buch der Reihe eine geheime Botschaft, de sich unter dem normalen Text befindet und nur durch die Entschlüsselung eines Codes zu knacken ist. Ungeduldige können den Schlüssel dazu auf Wikipedia finden, ansonsten ein grandioser Rätselspaß, über den ich mich als Kind wahrscheinlich kaputt gefreut hätte! 

Den Trend verpennt...
Als diese Reihe rausgekommen ist, hab ich irgendwie gepennt. Dabei wäre ich 2001, mit 13 also, genau in dem Alter für das Buch gewesen. Wieder mal bin ich entzückt über meinen Entschluss die BBC Liste durchzulesen! Die Phantasie mit der Eoin ("It´s pronounced Owen!") Colfer seine Figuren spinnt, ist grandios und bringt nicht nur Jugendliche zum Schmunzeln. Ich hab das Buch an einem Abend weg gelesen. Schade, es ist mit knapp 280 Seiten aber auch einfach zu kurz! Schönerweise hat es ja noch eine ganze Reihe Nachfolger. Die Reihe wurde mit einer Menge Preisen ausgezeichnet und ist mittlerweile so bekannt, dass Artemis Fowl es kürzlich auf Platz 3 der "Fictional 15" der "Reichsten fiktiven Charaktere" des Forbes Magazins geschafft hat. ( Auf Platz 2 steht übrigens Carlisle Cullen, nur noch überholt von Dagobert Duck.) Seit 2011 hat Artemis Fowl nun auch eine eigene Serie (zumindest in Großbritannien.)


Rezension:
Artemis Fowl ist ein genialer kleiner Scheißer, der mit großem Ernst und eiserner Zielstrebigkeit die Schlacht mit dem Erdvolk aufs genaueste durchgeplant hat. Dabei schafft er es mit seinem  technischen Verständnis, jeden Code zu knacken und ist eiskalt bereit, auch Leben aufs Spiel zu setzen. Trotzdem - und das ist wirklich ein Meisterstück  des Autors - nimmt man ihm irgendwie noch ab, zwölf Jahre alt zu sein. Wir haben also ein 12jähriges Wunderkind, seinen schwerbewaffneten, kampferprobten und loyalen Bodyguard und eine Reihe mit hochmoderner Technik ausgerüsteter Fabelwesen die die Menschen mit der Hilfe eines begabten Zentaurs ausspähen. Und Eoin Colfer schafft es, das alles vollkommen plausibel erscheinen zu lassen. 

"Ich bin nicht zu fett, diese neuen Anzüge sind einfach nicht mehr das, was sie mal waren!"
Hauptsächlich liegt das daran, dass auch das Erdvolk in einer stinknormalen, technologisierten Zivilisation lebt. Im Kern der Erde gibt es die gleichen kleinen und großen Probleme, wie auf dessen Oberfläche. Holly hat davon mehr als genug, denn als erstes Mädchen in einer männergesteuerten Polizeieinheit hat sie mit jeder Menge Vorurteile zu kämpfen. Und ihr Boss, der ZUP-Commander Julius Root macht es ihr keinen Deut einfacher. Als Verfechter der alten Schule - immerhin ist er schon seit 500 Jahren im Dienst - ist er sauertöpfisch und altmodisch und versteht einfach keinen Spaß. Während er Holly damit ziemlich ärgert, hat mich Commander Root stark an den einen oder anderen Tatort-Komissar erinnert und gehört mit seinen trockenen Sprüchen und seiner spröden Beamten-Manier zu meinen absoluten Lieblingscharakteren. Als Holly schließlich entführt wird, zögert er bei allem Ärger keine Sekunde, sie zu retten. Er war zwar schon lange nicht mehr an der Oberfläche, aber Commander bleibt Commander, also ignoriert er sowohl seine Angst als auch seinen Bauch und redet sich einfach ein, dass er nicht fett geworden ist, sondern das Material seines Anzugs spröde. Es bleibt dem Leser kaum was anderes über, als den Commander grinsend ins Herz zu schließen.

"Weißt du was ich hasse, Zwerg?!"
Während die Elfen also offensichtlich den Menschen ziemlich ähnlich sind, gibt es eine ganze Reihe Kreaturen da unten im Erdkern, die ziemlich außergewöhnliche Eigenschaften aufweisen. Zwerge zum Beispiel. Zwerge sind ja Meister im Tunnel bauen und dafür verfügen sie über eine praktische Eigenschaft: Sie können nämlich einfach ihren Kiefer aushaken, denn bekanntlich graben Zwerge die Tunnel mit dem Mund. Allerdings sollte man nicht in ihrer Nähe sein, wenn sie das ganze Erdreich wieder ausscheiden müssen. Denn "Zwergenverdauung kann ziemlich explosiv sein!". Diese erstaunlichen Fakten erzählt Colfer, so wie den Rest des Buches, mit einem genau auf die Altersklasse abgepassten Hauch von Ironie in jedem seiner Sätze. Mir hat der Erzählstil super gefallen und genau so wie jedem Zwölfjährigen wahrscheinlich auch, haben mir die rotzcoolen Dialoge einen Riesenspaß gemacht. Ein gutes Beispiel ist der Wortwechsel der sich zwischen einer Bande Kobolde und dem kleptomanischen Zwerg Mulch Diggums im Erdvolk-Gefängnis abspielt. Kobolde sind nämlich extrem dumm und können in einer Gruppe ziemlich gefährlich werden, vor allem für einen wehrlosen einzelnen Zwerg. 

"Wart-face twirled the fireball between his fingers:  
'There are two things under this world that I really despise.' 
Mulch had a feeling that he was about to find out what they were.
'One is a stinking dwarf.'
No surprises there.
'And the other is a traitor to his own kind. From what I hear, you fall neatly into both categories.'
Mulch smiled weakly: 'Just my luck.'

Zwischen all dem Witz der Geschichte gelingtes Colfer aber auch, ernstere Themen geschickt einzubauen. Mit intelligenten kleinen Seitenhieben lässt er das Erdvolk die Verfehlungen der Menschen thematisieren ohne direkt den Zeigefinger zu erheben. Aber dass das Erdvolk nicht mit einer Rasse auf der Oberfläche leben möchte, die die Welt verschmutzt und ständig Kriege beginnt, spricht für sich. Auch die Geschichte um Artemis wird unauffällig tiefer gestrickt, als es zunächst den Anschein hat. In einer kurzen, aber eingehenden Szene steht der Junge vor dem Zimmer seiner Mutter und kann kaum glauben, dass sein Vater wieder aufgetaucht ist, obwohl er hört, wie sie sich mit ihm unterhält. Als er erkennt, dass seine Mutter nur einen Schritt weiter in Richtung Wahnsinn getan hat und mit einem in die Kleidung seines Vaters gewickelten Kissen spricht, reißt Artemis sich zusammen und geht wieder an die Arbeit. Während es dem Leser fast das Herz bricht.

Fazit:
Ein grandios lustiges, phantasievolles und spannendes Abenteuer für kleine und große Leser mit intelligenten Seitenhieben zum Thema Umweltverschmutzung und Krieg. "Let the misadventure begin!"
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