Freitag, 6. April 2012

[Abgebrochen] 21.) Tess von den D´Urbervilles - Eine reine Frau (1891) oder "Depression auf Raten"

Tess of the DÚrbervilles
von Thomas Hardy (1891) (Quelle)
Nr. 26 auf der BBC-Liste der 100 beliebtesten Bücher aller Zeiten. 
Bwww. Nein. Ich kann nicht weiter. Ich habs mir echt nicht leicht gemacht und das Lesezeichen nun wirklich 3 Monate im Buch gelassen. Aber dann bin ich über diese Abbruch-Rezi von Ayanea gestolpert in der sie schreibt: " aber wozu das Ganze? Wem bringt das was?" Und recht hat sie! Ich breche das Buch nicht ab, weil ich den Schreibstil nicht mag, denn ich mag ihn sogar sehr. Thomas Hardy schreibt bildlich und poetisch und für seine Zeit sehr sinnlich. Ich breche das Buch auch nicht ab, weil ich die Zeit oder Umgebung in der es spielt nicht mag; English Countryside im 19. Jahrhundert ist eine meiner großen Lieben. Noch dazu von Hardy so wunderschön beschrieben, dass man jede Blüte, das frisch geerntete Heu und den Staub der Straße riechen kann. Kostprobe?
"Here in the valley, the world seems to be constructed upon a smaller and more delicate scale; the fields are mere paddocks, so reduced that from this height their hedgerows appear a network of dark green threads overspreading the paler green of the grass"
Ich breche auch nicht ab, weil mir die Hauptfigur unsympathisch ist, im Gegenteil. Tess Durbeyfield ist ein sympathisches, fröhliches, hübsches junges Mädchen, die trotz eines Trinkervaters und einer nicht besonders hellen Mutter immer ihre gute Laune behält und sich um ihre Geschwister kümmert. Eine ganz besonders tugendhafte Person also. Muss sie auch sein für den Fortgang der Geschichte. Und hier kommen wir zum Abbruchgrund.

BBC Verfilmung 2008. Tess noch unschuldig. (via)
"Tess of the D´Urbervilles - A pure Woman", eine "reine Frau", heißt das Buch im Original. Das hier ist keine Romanze, kein Unterhaltungsroman. Hardy benutzt seinen Charakter um knallharte Gesellschaftskritik an der viktorianischen Doppelmoral zu üben. So erschafft Hardy also dieses frische, liebenswerte Mädel - und lässt es schnurgerade ins Verderben rennen. Immer und immer und immer wieder. Was schon bei Erscheinen des Buches für verärgerte Kritiker sorgte: "Das Buch ist unmoralisch und pessimistisch!" ist heute leider noch immer verdammt pessimistisch. 

Zur Story: Das Elend bis Seite 100.
Nach einem Drittel des Buches musste das arme Mädel schon folgende Geschichte erleiden: Ausgestattet mit sehr armen Eltern, die es sich aber trotzdem nicht verkneifen können ab und an mal im Wirtshaus zu versacken, fungiert Tess als Erzieherin ihrer jüngeren Geschwister, hilft wo sie nur kann und ist zufrieden und glücklich mit ihrem Leben und beliebt bei allen, die sie kennen. Eines Abends erfährt der Vater, dass die Familie von einem alten Adelsgeschlecht, den D´Urbervilles abstammt. Es gibt im Dorf nur noch eine Familie mit diesem Namen. Nichtahnend, dass diese den Titel nur gekauft haben und eigentlich in keiner Weise mit ihnen verwandt sind, versuchen die Eltern Tess davon zu überzeugen mal da vorbeizugehen, so nach dem Motto: "Hallo, Erbe?" und einen hübschen Sohn hätten die ja auch, da könnte sich ja was ergeben. Das ist Tess verständlicherweise zu blöd. Leider (here we go) baut Tess kurz danach mit der Kutsche ihres Vaters einen Unfall und das Pferd stirbt. Damit ihre Familie nun nicht zugrunde geht sieht sich Tess gezwungen, nun doch bei ihren "Verwandten" vorbeizuschauen. Der Sohn der Familie ist zwar völlig im Klaren darüber, dass Tess ganz bestimmt nicht seine Verwandte ist, schaltet aber schnell und bietet der "Cousine" einen Job auf dem Hof an. Aufgrund der blumigen Sprache, die der Verfassungszeit geschuldet ist und nur Andeutungen zulässt, habe ich nicht ganz nachvollziehen können ob er sie schließlich verführt oder vergewaltigt. Wikipedia sagt vergewaltigt, anscheinend werden in einer späteren Szene noch Tess Schreie erwähnt. Jedenfalls ist Tess danach nicht mehr Jungfrau und er lässt sie sitzen.
Und das Unglück beginnt. Denn Tess wird natürlich vom ersten mal schwanger und kehrt "in Schande" in ihr Dorf zurück. Nachdem ihr Kind geboren ist, geht sie kaum noch aus dem Haus. Natürlich reicht es nicht, dass sie nun Thema Nummer eins des Dorfklatsches ist - denn nun stirbt auch noch ihr geliebtes Baby.


BBC Verfilmung 2008. In Schande.  (via)
Bis zur Hochzeit oder peng.
Und ganz ehrlich? Da hat es mir gereicht! Ich lebe schließlich nicht in der viktorianischen Zeit und mir ist es voll wumpe ob die Leute bis zur Hochzeit warten oder peng. Das das damals eine Katastrophe war und (selbst wenn es eine Vergewaltigung war) das Leben des Mädchens für immer zerstört, ist mit Sicherheit ein Grund für Kritik. Ich gebe Hardy da ganz Recht und finde, es geschah den damaligen Lesern ganz Recht einen geliebten Charakter dabei verfolgen zu müssen, wie ihm ein Unglück nach dem anderen geschieht. Wenn sie das traurig macht, sollen sie halt ihre Moralvorstellungen ändern. Aber ich doch nicht. Ich verurteile doch gar keinen! Quäl mich doch nicht so, Mensch! Das macht einfach keinen Spaß, wenn der Hauptcharakter keine andere Funktion hat als Pest und Schwefel auf ihr Haupt zu ergießen zu lassen. Und dann habe ich etwas getan, was ich nie machen würde, wenn ich mir nicht absolut sicher bin, dass ich abbreche: Ich hab bei Wikipedia das Ende der Geschichte in der Zusammenfassung gelesen. Ob ich nun abbreche weil ich den Rest der Geschichte schon kenne oder weil es nicht besser wird, verrate ich nicht. Könnt ihr gerne selber lesen. Viel Spaß.


Fazit
Mit Poesie und Sarkasmus geschriebene, trotzdem schrecklich deprimierende Gesellschaftskritik an der viktorianischen Doppelmoral, in der die eigentlich unschuldige Heldin immer und immer wieder für ihre "Sünden" büßen muss. 

Ps: Ich habe mir ein paar Ausschnitte der BBC Verfilmung angesehen, der Film scheint sehr gut zu sein. Ich verlinke hier aber keinen der (Fanmade) Trailer, sie scheinen ausnahmslos schrecklich zu spoilern. Will euch ja  nicht den Spaß (!) verderben.

* Bei den Abbildungen handelt es sich nicht um mein Eigentum.

Kommentare:

  1. Huch? Du schreibst so einen langen Abbruchbeitrag? :-) Sehr schön dargelegt..!! Ich selbst tu mir ja auch meistens schwer damit, ein Buch abzubrechen. Eine zeitlang konnte ich das gar nicht, mittlerweile kommt es ab und zu mal bei privaten Büchern vor - aber doch eher selten..
    Schöne Ostertage für dich,
    Damaris

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  2. Hm, ich wollte den Roman eigentlich auch mal lesen, habe mich dann aber grandios verspoilert und dachte mir auch, dass das sehr frustrierend klingt.
    Ich mag ja an sich Romane ohne Happy End, aber das hier ist mir, glaub ich, echt zu düster. Offensichtlich gibt es da ja praktisch gar keinen Lichtblick. :-(

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    1. Ist glaub ich die richtige Entscheidung deinerseits :p
      Wo hast du dich denn verspoilert? Allein der Klappentext leistet ja hier schon ganze Arbeit(Das ist immer so ärgerlich bei Klassikern!)aber daneben hatte ich von dem Buch eigentlich noch nicht wirklich viel gehört bevor ich angefangen habe es zu lesen.

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