Montag, 13. April 2015

Endlich wieder eine gute Dystopie: Die Eleria-Trilogie

Ach, hi. Da arbeitet man mal nen bisschen mehr - und zack, steht der Block sechs Monate still. Als Ausgleich dafür endlich mal wieder eine richtig erfreuliche Trilogie nach den Enttäuschungen der letzten Jahre.

Ich bin ja schon seit Erebos ein großer Fan der Bücher von Ursula Poznanski, die nicht nur fantastische Jugend-Romane schreibt, sondern auch hochspannende, richtig schön blutige Erwachsenenthriller. Die Eleria-Trilogie, Frau Poznaskis bisher erste Trilogie, liegt irgendwo dazwischen.



Zur Story

Die Reihe besteht aus den drei Bänden 1. "Die Verratenen", 2. "Die Verdammten" und "Die Vernichteten". Wir befinden uns in einem postapokalyptischen Deutschland, in dem die Menschen sich in zwei Lager spalten. Diejenigen, deren Vorfahren das Glück hatten, sich vor dem Vulkanausbruch in die sogenannten "Sphären" (riesige Glaskuppeln) retten zu können, führen ein komfortables, vor Umwelteinflüssen geschütztes Leben. Alle anderen kämpfen in der eiskalten Wildnis ums nackte, primitive Überleben. Von einigen Sphärenbewohnern werden sie deshalb abfällig auch "Prims" genannt und es kommt immer öfter zu Kämpfen zwischen den beiden Lagern. Ria, eine der Elitestudentinnen der Sphären, hofft darauf, ihre einflussreiche Position einsetzen zu können, um das Verhältnis zwischen Prims und Sphärenbewohnern eines Tages zu verbessern. Doch dann bekommt sie durch einen Zufall mit, dass nicht nur sie selbst, sondern auch fünf andere vielversprechende Studenten von den Befehlshabern der Sphären getötet werden sollen - ihnen bleibt nichts anderes über, als Hals über Kopf in die Wildnis zu fliehen.

Stärken der Trilogie:


1. Manchmal täuscht der Klappentext!

Ehrlich gesagt finde ich es extrem schwer, den Inhalt der Bücher so zusammenzufassen, dass man Lust bekommt, sie dann auch zu lesen. (Noch dazu finde ich diese nichtssagenden schwarz-weiss Cover wirklich alles andere als gelungen!) Nachdem ich dann auch den Klappentext des ersten Bandes überflogen hatte, wäre das Buch wieder im Regal gelandet, wenn ich die Autorin nicht schon gekannt und als genial befunden hätte. So war ich trotzdem ziemlich skeptisch und habe auch tatsächlich abgewartet, bis die Bücher endlich mal in der Bibliothek zu haben waren. So geduldig bin ich normalerweise nicht. Nach dem ersten Band war es allerdings ein Glück, dass ich Band zwei und drei auch gleich mitgenommen hatte, denn ich habe für die gesamten knapp 1500 Seiten keine drei Tage gebraucht. Die Geschichte ist schlüssig, intelligent aufgebaut, hat eine starke Heldin, die trotzdem glaubwürdig bleibt und ist, wie eigentlich immer bei Ursula Poznanski, einfach sauspannend!

2. Behutsam aufgebaute Postapokalypse

"Der Automat, aus dem wir außerhalb der Essenszeiten Nahrung beziehen können, liest meine Salvatordaten aus und lässt mir die Wahl zwischen angereichertem Hummus und einem Proteinshake."

Die Sphären, in denen Ria aufgewachsen ist, sind technisch auf dem neuesten Stand und verbinden viele bekannte Elemente aus anderen Dystopien. Rias Welt ist eine Mischung aus der Brave New World von Aldous Huxley, in der Menschen in Reagenzgläsern gezeugt werden, der "Uglies"-Reihe von Scott Westerfeld, in der ihre Gesichter als Jugendliche zur Perfektion operiert werden und vielen anderen Welten, in denen Jugend Science-Fiction Fans eine Menge wieder erkennen werden. Das ist aber in Ordnung, denn Ursula Poznanski lässt diese Elemente nie in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken, sondern benutzt sie nur, um behutsam eine Welt entstehen zu lassen, der ein hoch intelligentes, mutiges und liebenswertes Mädchen wie Ria trotzdem noch glaubwürdig loyal gegenüber stehen kann.

 "Der Shake schmeckt wie Kleister über den jemand einen Apfel gerieben hat. Das Cafe Agora ist bis auf den letzten Platz besetzt. Es gibt nur wenige Orte in unserer Sphäre, wo man so sehr den Eindruck von Weite hat, wo man das Gefühl sich in den Eingeweiden eines riesigen Tiers zu befinden, beinahe vergisst."
3. Erfrischende Elite ohne Superkräfte

Ich habe in letzter Zeit wirklich zu viele Bücher gelesen, in denen die Helden völlig unnachvollziehbar auf einmal herausfinden, dass sie eigentlich so gut wie alles können. (Auch wenn sie vorher realistisch gesehen ziemlich dumpfbackig durch die Gegend gegurkt sind - plötzlich können sie dann nicht nur kämpfen wie zu besten Zeiten in Sparta, sondern sie sind auch noch so unwiderstehlich charmant und einflussreich, dass Ihnen nicht nur Herzen sondern auch Gehirne kollektiv zufliegen.)

Hier ist das nicht so. Die - eigentlich ja recht naheliegende - Idee, Menschen in ihren angeborenen Begabungen speziell auszubilden und dann genau diese Talente durch rigoroses Training messerscharf herauszubilden, kam mir in diesem Jugend-Dystopie Kontext seltsamerweise fast revolutionär vor. So ist Ria dazu ausgebildet, ihre natürliche Empathie zu nutzen und in Gesichtern zu lesen, um die Menschen dann durch ihre angeborene Argumentationsstärke und die perfektionierte Beherrschung ihrer Mimik dazu zu bringen, auf ihren Rat zu hören. Zu den anderen Mitgliedern der fliehenden Sechsergruppe gehören:

  • Tycho, Spezialist darin, technische Details in Sekundenschnelle zu verstehen (und definitiv der Sidekick mit Lieblings-Charakterpotential),
  • Aurelio, der ehemals zukünftige Präsident der Sphären mit einem Talent Menschen Vertrauen einzuflößen
  • Tomma, die als Biologin alle Pflanzen zum Blühen bringen kann
  • Dantorian, der Künstler und Sänger
  • und.. äh.. dings. Der Medizinstudent. 
Ihr seht schon: Eine Kombination von Talenten, die entweder zu einem Lost-Abklatsch voller Klischees führen kann -  oder zu einer rasanten Flucht- und Entdeckungsjagd auf höchster Spannungsebene. Wobei ich zugeben muss, dass für Zweiteres schon einiges Talent vorhanden sein sollte - glücklicherweise ist Ursula Poznasnki genau die richtige dafür!


4. Eine starke Heldin, endlich mal.

Ria bildet sich zu keinem Zeitpunkt ein, in der perfekten Welt zu leben. Im Gegenteil, ihr Ziel ist es, eines Tages auch die Außenwelt wieder lebenswert zu machen, eine Verständigung zwischen Sphärenbewohnern und Prims zu schaffen und ihre Ausbildung zu nutzen um ihrem Land eine gute Anführerin zu werden, denn dafür ist sie trainiert. Nicht nur das, dazu ist sie extra im Genpool perfekt zusammengestellt und aufgezogen worden. Denn, im Gegensatz zu einfachen Handwerkern, ist die Elite des Landes nicht von Eltern gezeugt und dort aufgewachsen, sondern als "Vitro" im Reagenzglas entstanden und seit der Kindheit von ausgebildeten Erziehern trainiert worden.

Sie ist sich vollkommen bewusst, dass sie ihre Fähigkeiten sowohl der geschickten Genzusammenstellung als auch ihrem strikten Training verdankt und zeigt deshalb eine Aufgeklärtheit, die ich so oft in anderen Dystopien vermisse. Ria ist keine naive kleine Prinzessin, die durch Zufall zur Heldin wird, sondern ein starker Charakter, der die Gepflogenheiten ihrer Welt durchblickt und als Notwendigkeit erkennt.

"Keine Zeit für Träumereien. Ich binde das Haar zu einem Knoten, während ich fast automatisch vor dem Spiegel meine Übungen mache. Missbilligung. Verständnis. Vertrauen. Wertschätzung. Duldsamkeit fällt mir schwer, wie immer, und ich breche mitten in der Übung ab. Fixiere meinen Blick im Spiegel und frage mich, ob sich die Akadiemieleitung überlegt hat, auch an meinem Gesicht etwas zu ändern."

Auch die anderen Charaktere im Buch sind schlüssig aufgebaut, allerdings mit kleinen Ausnahmen eher Statisten, die keine besonderen Charakterentwicklungen erleben. Das hat mich aber nicht besonders gestört, denn der generelle Beziehungsaufbau ist trotzdem liebenswert und die Dialoge oft auch.

"Ich will euch nichts vormachen. Ich wäre erstaunt, wenn jemand von uns lebend ankommt. Wir alle vier - das wäre ein Wunder."
In Tychos Augen glitzert etwas Wildes. "Umso besser. Wunder stehen ganz oben auf meiner Liste unerledigter Dinge."

Wermutstropfen:


1. Etwas mehr Gefühl, Frau Poznanski!

Ich muss sagen, dass ich generell den Schreibstil der Autorin oft ein bisschen zu sachlich finde. Ihre Liebesbeziehungen werden in anderen Büchern immer nur angedeutet, aber hier stellt eine Dreiecksbeziehung einen der Haupterzählstränge (ja, das ist leider etwas klischeehaft, aber gut gelöst!). Ein wenig mehr Leidenschaft hätte der Erzählweise deshalb nicht geschadet. Genau wie ihre Heldin Eleria scheint sich Frau Poznanski vor zu viel Pathos zu scheuen, aber ein bisschen mehr davon hätte der Geschichte wirklich ganz gut getan. Man will ja schließlich auch mal heulen, wa?!

2. Der Hänger im 3. Band - was war da los?

Die ersten beiden Bände habe ich verschlungen, wobei ich den zweiten Band, vor allem zum Ende hin, sogar noch mal spannender fand als den ersten. Allerdings gab es dann in der Mitte des letzten Bandes (ich würde leider sogar sagen, im kompletten zweiten Drittel!) eine echt fiese Durststrecke, durch die ich mich teilweise durchkämpfen musste. Das hätte man deutlich knackiger machen können, zumal der dritte Band mit 528 Seiten fast 100 Seiten länger ist, als die ersten beiden.

Fazit:


Trotz der Wermutstropfen eine sehr gelungene Trilogie, die einfach Spaß macht! Über weite Strecken Spannung pur, mit leichten romantischen Anklängen und einer Welt, die endlich mal wieder nicht nur schwarz/weiss ist.



Dienstag, 16. September 2014

Was haben J.K. Rowling und Slowenien gemeinsam?

J.K. Rowling is back

Als "A casual Vacancy" erschien, das erste Buch von J.K. Rowling nach Harry Potter, war ich vorher sowas von aufgeregt, dass ich es schon Monate im Voraus kaum noch erwarten konnte. Das Cover war zwar überhaupt nicht meins und auch die Geschichte auf dem Titel klang irgendwie öde, aber es war J.K. Rowling!
Ich hab's auf Seite 40 abgebrochen.

Ich mochte weder die Figuren, noch das Setting und schon gar nicht das Gefühl, dass beim Lesen der ersten Seiten aufkommt. Ich hatte nicht erwartet, dass die Geschichte Harry Potter ähnelt, aber mit J.K. Rohlings Meisterwerk im Hinterkopf fiel es mir irgendwie doch schwer, die großzügig gestreuten Schimpfwörter zu überlesen. 

Deshalb war ich skeptisch, als im Jahr danach "The Cuckoo's Calling" erschien. Frau Rowling hatte diesmal unter dem Pseudonym Robert Galbraith geschrieben, wohl in der Hoffnung, dass dann niemand die Geschichte mit Harry Potter vergleicht. Kam natürlich schnell raus, die Presse spielte verrückt und die Verkaufszahlen schossen in die Höhe, aber vorher gab es doch noch einige unbeeinflusste positive Rezensionen für das "Erstlingswerk" Galbraiths. Und da ich im August zum ersten mal in diesem Jahr mehr als ein verlängertes Wochenende Urlaub hatte, durfte "The Cuckoo's Calling" mit nach Slowenien.

Und weil mich sowohl das Land als auch das Buch begeistert haben, werde ich im folgenden lustig mischen. Damit ihr ein Gefühl davon bekommt wie es ist, the Cuckoo's Calling in Slowenien zu lesen. Viel Spaß beim mentalen Kurzurlaub!


 


Unterschätzte Talente 

Zu meiner Überraschung hatten das Land Slowenien und J.K. Rowling eine Gemeinsamkeit: Beide werden in ihren Talenten unterschätzt. J.K. Rowling schreibt auch dann großartige Bücher, wenn weder magische Internate, noch vernarbte junge Zauberer darin vorkommen. Es gelingt ihr irgendwie trotzdem, eine magische Atmosphäre heraufzubeschwören. Und Slowenien ist einfach nur magisch, ich konnte kaum glauben, dass das Land nicht völlig von Touristen überlaufen ist! 

Vielleicht liegt es daran, dass man Slowenien in ungefähr zwei Stunden komplett mit dem Auto durchqueren kann und im Zweifelsfall nicht mal merkt, dass zwischen Italien und Kroatien noch ein ganzes Land lag. Ein Naturwunder reiht sich an das nächste und die meisten lassen sich in weniger als einer Stunde Fahrzeit erreichen. Von den Bergen an die Küste sind es oft gerade mal 10 Minuten, und wir sprechen hier von türkisblauem Wasser, waldbewachsenen Hängen und atemberaubenden Panorama-Blicken in den Bergen. Dazwischen unglaublich gut erhaltene Mittelalterstädtchen, 1500 Jahre alte Kirchen, in Stein gehauene Schlösser, kleine Berghütten, vor Früchten strotzende Gärten - Tomaten, Kartoffeln, Trauben, Feigen, Granatäpfel, da wächst wirklich alles! - und Millionen Jahre alte Tropfsteinhöhlen. Ich möchte euch dieses Land also schwer ans Herz legen und während ich Bilder von Slowenien sprechen lasse, wird uns gleichzeitig J.K. Rowling nach London entführen - in die Welt des Privat-Detektivs Cormoran Strike.






Man greife sich nun bitte eine Brust.

Privatdetektiv Cormoran Strike hat ein blaues Auge. Verursacht von einem Aschenbecher, den ihm seine gefährliche, wunderschöne und unberechenbare (nun Ex-)Freundin Charlotte an den Kopf geschmissen hatte, bevor Sie aus seinem Büro stürmte. Strike will ihr hinterherrennen, doch er prallt vor seiner Tür mit der resoluten jungen Dame Robin zusammen, die ihm von einer Zeitarbeitsfirma als temporäre Assistentin geschickt wurde. Von diesem Zusammenstoß mit dem überdurchschnittlich riesigen und überdurchschnittlich schweren Strike aus dem Gleichgewicht gebracht, wäre Robins Rolle hier schon fast wieder zu Ende, da Sie um ein Haar rückwärts eine Treppe herunterfällt. Glücklicherweise kann Strike gerade noch reflexartig zupacken und sie vor dem Tod bewahren. Dass sein beherzter Griff dabei ihre linke Brust erwischt, ist für Robin ungünstig und für Strike nicht nur ein wenig peinlich, schien mir aber für den Fortgang der Geschichte ein origineller Einstieg. Außerdem musste ich ziemlich grinsen.
























Zur Story

Als Lula Landry mit zerschmettertem Kopf auf der Straße vor ihrem Londoner Penthouse gefunden wird, ist sich die ganze Welt einig, dass das exzentrische und oft deprimierte Supermodel Selbstmord begangen hat. Nur ihr Bruder hat Zweifel daran und engagiert Privatdetektiv Cormoran Strike, der den Fall untersuchen soll. Strike, der bis zum Verlust seines Beins als Soldat in Afghanistan gedient hatte, ist seit dem Streit mit seiner Freundin nicht nur wütend und verletzt, sondern er steht auch plötzlich ohne Wohnung da. Ziemlich mittellos ist er obendrein, und das obwohl sein Vater ein berühmter Rockstar ist und seine Mutter ein Supergroupie. Während Strike sich also in seinem Büro häuslich einrichtet, tut seine feinfühlige neue Assistentin Robin so, als würde ihr gar nicht auffallen, dass eine Luftmatratze nicht zur Standardausstattung eines Detektivbüros gehört. Langsam entwickelt sich zwischen den beiden eine vorsichtige Freundschaft und es stellt sich heraus, dass Cormoran und Robin ein fantastisches Team sind, wenn es darum geht, in der völlig abgedrehten Londoner Promi-Szene einen Mord aufzuspüren.










Fazit:

Ich weiss nicht, wie sie es geschafft hat, aber obwohl die Storyline weder besonders originell noch das Ende wahnsinnig überraschend ist, war ich richtig schön deprimiert, als die letzte Seite heranrückte. Der knurrige, unsensible und grundanständige Cormoran Strike ist mir im Laufe der Geschichte so sehr ans Herz gewachsen, dass ich ihn noch Tage später vermisst habe. Und bei Robin,  die ganz ausgezuckelt vor Glück darüber ist, sich frisch mit ihrem Langzeitfreund  verlobt zu haben, - der übrigens ein solcher Langweiler zu sein scheint, dass er offensichtlich sogar Frau Rowling auf den Keks geht - ging es mir nicht anders. Die beiden sind ein sehr charmantes Ermittlerduo, denen die Sympathiepunkte, auch durch die unbeholfene Art in der sie miteinander agieren, nur so zufliegen. Die Geschichte ist flüssig zu lesen, durch ihre Dialoge und das Zusammenspiel der Charaktere echt amüsant und beschwört mühelos die magische Atmosphäre von London im Dämmerlicht herauf. Ich habe mich in Cormoran Strikes Welt sehr wohl gefühlt und hoffe es kommen noch mehr Krimis von der Sorte. (Ich habe mir gerade den Nachfolger "The Silkworm" bestellt.)

Well done, J.K.!



Donnerstag, 17. Juli 2014

Verbrennt mich!

Im Spätsommer fliege ich nach New York und natürlich läuft mein Reisepass ganz pünktlich kurz vorher ab. Derartige Sachverhalte erschließen sich mir vorzugsweise am allerletzten Tag, an dem es überhaupt noch möglich ist, einen neuen Pass zu beantragen. Hat ja 4 Wochen Bearbeitungszeit der ganze Spaß. 
Erstaunlicherweise bekam ich noch sehr kurzfristig einen der rar gesäten Termine im Bürgeramt und musste auch tatsächlich nur eine knappe Stunde länger warten, als auf dem Terminschein angegeben. 

Dafür habe ich nun das hässlichste Passfoto aller Zeiten, weil mir auch das erst kurz vorher noch siedendheiß einfiel. In der Information saß zum Glück ein ganz liebenswürdiger uralter Mann, der mir, als ich nach einem Passfotoautomaten fragte, lächelnd den Weg wies: "Da auf dem Parkplatz um die Ecke steht ein Container, da sitzt ein Fotograf drin". Was ich für altersbedingtes Technikunverständnis gehalten hatte, stellte sich tatsächlich als genau das heraus: Ein Container mit einem Fotograf drin. Ein wirklich hässlicher Container um genau zu sein, mit einem sehr netten Fotografen, der mich nichtsdestotrotz etwas skeptisch ansah. Es waren heute 30 Grad in Berlin, ich kam von der Arbeit, war klatschnass geschwitzt und völlig ungeschminkt. "Na hier isn Tuch, wischen 'se sich ma dit jesicht ab, wa?". Bombenfoto, könnt ihr euch ja denken, WA?

Das Kreuzberger Bürgerbüro an sich ist circa ganz genau so, wie jedes andere Bürgerbüro in Deutschland: grau, verstaubt und trübe. Umso überraschter war ich, im zweiten Stock in eine wirklich gute Ausstellung zu laufen. 



Mit sehr gefühlvollen, dabei aber einprägsamen und klaren, oft scharfen Worten stellt Autor Volker Weidermann in dieser Ausstellung einige der Autoren vor, deren Bücher bei der Bücherverbrennung 1933 von Studenten verbrannt wurden. 

Die Nazis waren nicht einmal 4 Monate an der Macht, als in Deutschland im Mai 1933 die Bücher "wider den undeutschen Geist" brannten. Was ich bis heute nicht wusste und als ein Schock für mich kam war, dass die Nacht der Bücherverbrennung nicht einmal eine von den Machthabern der Diktatur angeordnete Geschichte war. Das sehr professionell aufgezogene Ereignis wurde von der Deutschen Studentenschaft inszeniert und durchgeführt, in 22 deutschen Universitätsstätten und ohne erkennbaren Widerstand nur Monate nach der Machtergreifung der Nazis! Deutschland schmiss seine besten Autoren ins Feuer und mit ihnen einige Talente, die gerade erst am Anfang ihrer Karriere standen. Was für eine Tragödie und was für ein dunkles Zeichen. Ich habe es schon mal gesagt, ich sage es wieder: Wenn Studenten anfangen Bücher zu verbrennen, ist ein Land verloren.

Werke einiger meiner liebsten Autoren wanderten ins Feuer: Brecht, Tucholsky, Ringelnatz, alle gingen in Flammen auf. Und doch verfehlten die Nazis ihr Ziel: Die drei Autoren verließen Deutschland, verlißen auch die Welt, Tucholsky und Ringelnatz schon kurze Zeit später, doch ihre Werke starben nie. Sie sind unvergessen und werden heute in Deutschland wieder so sehr geliebt, wie sie es verdient haben.

Joachim Ringelnatz

Und ein Absatz dieser Ausstellung hat mich heute auf eine Idee gebracht. Es war Oskar Maria Graf, der feststellte, dass nur einige seiner Werke auf dem "Scheiterhaufen der Anständigen" gelandet waren und nun forderte: "Verbrennt mich!" Er hatte erkannt, dass die Werke, die von den Nazis verbrannt wurden, zum Besten gehörten, was Deutschland zu bieten hatte.


Und da wird es doch mal wieder Zeit für eine Challenge, meine Lieben. 2015 würde ich gerne eine "Burned Books"- Challenge starten, mit Werken, die von den Nazis verbrannt wurden. Wieviele davon in dem Jahr gelesen werden sollen, das weiss ich noch nicht ganz genau. Ich freue mich auf Vorschläge. Bei Interesse wisst ihr ja, wie ihr mich erreicht. Ich poste zum Jahresende natürlich auch noch eine Erinnerung, ein bisschen Zeit ist ja noch. (Wobei die Zeit in diesem Jahr dermaßen rennt, dass ich es kaum glauben kann. 10 Blogposts in 7 Monaten. Meine Güte, das muss aber wieder besser werden.)

Donnerstag, 29. Mai 2014

(Sehr) Lau in den Frühling mit Rosamunde Pilcher

Okay, diesen Post habe ich vor über einem Monat verfasst und bin dann nie richtig dazu gekommen, ihn hochzuladen. Daher ist der Titel - bei Heute so 26 Grad in Berlin schätzometrisch - etwas unpassend. Sobald der Frühling kommt, verliere ich generell immer jede Lust, nach der Arbeit noch an den Computer zu gehen, daher legt es meinen Blog mit schöner Regelmäßigkeit irgendwann im April lahm. Dieses mal war die Blogpause aber so lang wie vorher noch nie. Und dabei hab ich sooo viel gelesen. Und sogar ein Buch von der 100 Bücher Liste dabei. Und gleich noch so ein.. äh.. SPANNENDES. Ladies und Gentleman: Rosamunde Pilcher!!! (Nummer 50 auf der Liste der 100 beliebtesten Bücher aller Zeiten.)

"... und dann ist da dieser Gärtner, aber man weiss nicht so richtig, woher er kommt und warum er da ist. Sehr mysteriös. Wird wohl der Mörder sein."

Das war der Zeitpunkt in unserem Telefongespräch, als meine Mutter begann, mich ernsthaft auszulachen.

Meine Antwort "Rosamunde Pilcher" auf die obligatorische Frage "Was liest du gerade?" hatte sie noch mit höflichem Erstaunen registriert. "Du liest Rosamunde Pilcher? Ähm. Warum?" Weil es auf der 100 Bücher Liste steht. Und wirklich ein hübsches Cover hat. Darum.

Aber zur Story:

Penelope ist 64 Jahre alt, hat drei erwachsene Kinder und keinen Mann mehr und wohnt in einem kleinen englischen Cottage. Ihr Garten ist ihre ganze Leidenschaft, denn von den drei Kindern ist eins zu beschäftigt um oft zu Besuch zu kommen und die anderen beiden sind so gnadenlos egozentrisch, dass es eine Freude ist, wenn sie wieder weg sind. Auf einmal zeigen Nancy und Noel, die beiden missratenen Kinder, aber viel mehr Interesse an ihrer Mutter als normalerweise üblich, was damit zusammenhängt, dass Penelopes Vater, ein berühmter Maler, ihr vor seinem Tod eine Reihe Gemälde hinterlassen hat, deren Preise sich ganz plötzlich in unerschwingliche Höhen schrauben.

Nancy und Noel, beide notorisch über ihren Verhältnissen lebend, versuchen nun mit vereinten Kräften ihre Mutter dazu zu bringen, diese Gemälde zu verkaufen. Wobei sie selbstverständlich davon ausgehen, dass das Geld danach auf die drei Kinder aufgeteilt wird und nicht bei Penelope bleibt, die ihr ganzes Leben lang in sehr bescheidenen Verhältnissen gelebt hatte um trotz ihres spielsüchtigen Mannes seine Kinder ernähren zu können. Penelope, die von ihren undankbaren Gören langsam ernsthaft genervt ist, denkt jedoch nicht daran, die Bilder ihres geliebten Vaters zu verkaufen. Viel lieber möchte sie noch einmal in Ort fahren, in dem sie aufgewachsen und er gestorben ist. Doch auch nach eindringlichen Bitten kann keiner ihrer Nachfahren eine ganze Woche aufbringen, um der Mutter diesen Traum zu erfüllen und mit ihr hinzufahren. Da taucht plötzliche in geheimnisvoller junger Gärtner in Penelopes Leben auf...

... womit wir wieder beim Gespräch mit meiner Mutter wären.

Also nochmal.

"... und dann ist da dieser Gärtner, aber man weiss nicht so richtig, woher er kommt und warum er da ist. Sehr mysteriös. Wird wohl der Mörder sein."

Jetzt mal ernsthaft, da ist diese ältere Dame in einem einsamen kleinen Landcottage mit diversen extrem wertvollen Gemälden. Und plötzlich taucht ein junger, mysteriöser Mann auf, der erklärt er sei ein Gärtner, dessen Auftreten aber eher an einen Akademiker bester Schule erinnert.

Wer wird denn da wohl nicht misstrauisch. Und genug englische Krimis habe ich gelesen in meinem Leben, ich weiss wo der Hase langläuft!

ABER ich hatte die Rechnung ohne Rosamunde Pilcher gemacht! Tja. Ich hatte nämlich tatsächlich noch nie einen Film von der guten Dame gesehen und zwar natürlich gewusst, dass Frau Pilcher eher so in der Kitsch-Ecke unterwegs ist aber mit so wenig Spannung dann doch nicht gerechnet. Also lasst es mich gleich vorwegnehmen: Der Gärtner ist nicht der Mörder. NIEMAND ist der Mörder, wir sind hier bei Rosamunde Pilcher. Oder wie meine Mutter sagte:

"Mila, lass es mich mal kurz zusammenfassen. ein Rosamunde Pilcher Roman besteht aus einigen essentiellen Eigenschaften:

  • Die Geschichte spielt in England (check.)
  • jemand fährt auf einem Fahrrad an einer Klippe entlang (check.)
  • und trägt dabei ein Tuch im Haar (check.)
  • es gibt einen Blumengarten, der mit Liebe gepflegt wird (check.)
  • und einen langen Holztisch, an dem man gemütlich sitzen kann, während Mutter kocht oder strickt oder stickt (check.check.check.)
  • irgendwer arbeitet in einer Werbeagentur (check.)
  • es gibt ein Missverständnis (check.)
  • für das aber niemand was kann (check.)
Die Süddeutsche Zeitung fasste die Pilcher- Verfilmungen mal folgendermaßen zusammen: 

"Natürlich ist das reaktionär, das Familienidyll kitschig und von annodazumal, die Rollenvorstellungen überholt und die Menschen in den Filmen immer nur edel, hilfreich und gut. Klar, wissen wir: Das ist nicht die Wirklichkeit. Trotzdem. Durchschnittlich sehen sieben Millionen Zuschauer zu. Sie wollen am Sonntagabend vor allem eines: Abschalten vom Alltag, ein bisschen Herz, Schmerz und wieder Herz. Attraktive Menschen in ihren zauberhaften Behausungen und ein Happy End."

Und ganz ehrlich, hätte ich diesen Kommentar der Zeitung vorher gelesen, wäre ich von dem Buch positiv überrascht gewesen! Ganz so schmalzig wie es klingt, war die Geschichte nämlich gar nicht. Ich mochte sogar Penelope sehr gerne, deren Leben im Rückblick erzählt wird und einige sehr schöne aber auch sehr tragische Momente beinhaltet (ich hatte im Kopf Worte wie "spannende", "aufregende" und "unerwartete Momente" durchprobiert - aber die erschienen mir dann doch etwas zu gewagt).

Lasst es mich in einem Fazit folgendermaßen ausdrücken:

Fazit:

Das Buch ist hervorragend tiefenentspannend. Es eignet sich gut für Menschen die das Gefühl haben, zu wenig Zeit in ihrem Leben zu haben, denn wenn man Rosamunde Pilcher aufschlägt, geschieht ein Wunder: Zehn Minuten Lesezeit fühlen sich an wie eine halbe Stunde reale Zeit! Und danach hat man wieder Energie genug, sich an aufregende Aufgaben zu wagen.

Gut geeignet für einen kleinen mentalen Kurzurlaub in ein chintzgemustertes England voller Blumen und Erinnerungen. Erfahrungsgemäß nicht so gut geeignet für eine längere Zugfahrt, außer ihr wechselt dieses Buch während der Fahrt mit etwas packendem ab, am besten einem so richtig raffinierten, bluttriefendem Thriller. Zum Ausgleich.
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